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Bear Family Records- oder - Die Sache mit dem Masterplan

Runde Jubiläumstage, wie beispielsweise die Goldene Hochzeit, müssen einfach gefeiert werden! Wer es in einer Beziehung 50 Jahre miteinander ausgehalten hat, sollte darauf auch anstoßen. Eher unrunde Festtage, zum Beispiel ein x-beliebiger Geburtstag, nimmt man je nach Laune und Gesinnung zum Anlass, es richtig krachen zu lassen – mit zunehmendem Alter allerdings immer seltener. Bear Family feiert 2010 das 35. Jahr des Bestehens! Wenn man so will, ist das Hochzeit und Geburtstag in einem: immerhin ist die werte Kundschaft schon 35 Jahre mit dem Label verbandelt und sorgt durch mehr oder minder rege Tonträgerkäufe dafür, dass das ganze Unternehmen auf Kurs bleibt. Unter den Hochzeitstagen gilt der 35te übrigens als 'Leinwand-Hochzeit'. Klingt wenig glamourös, weist aber zaghaft darauf hin: man soll die Feste feiern, wie sie fallen, ungerade Zahl hin oder her. Gerade in der siechenden, ökonomisch am Tropf hängenden Musikbranche freut man sich über jedes Label, das noch nicht dahingerafft wurde und wie Bear Family als 'kleines gallisches Dorf' den Invasoren 'illegale Internet-Downloads', 'Niveau-Armut' und 'Discounter-Mentalität' standhaft trotzt. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage: Wie machen die das bloß? In einer Zeit, in der so viel Musik wie nie zuvor (frei) verfügbar ist, die Bereitschaft für die Ware Musik Geld zu bezahlen nahezu stündlich schwindet und die identitätsstiftende Wirkung von Musik gegenüber früheren Jahrzehnten deutlich ins Hintertreffen geraten ist? Gibt es hier womöglich ein Erfolgsrezept? Nun, es gibt zwar keinen Businessplan, dafür jedoch einen Masterplan. Und über dem steht als Handlungsanweisung geschrieben “we are not in for the money“, auf Deutsch: willst du Erfolg haben, schere dich nicht um den Profit. Das heißt, dass die 'Geschäftsmethode' der Bärenfamilie auf der Identifikation mit dem eigenem Handeln beruht, so einfach ist das. Der Rest ist eine Kombination aus Zufall und gutem Geschmack … Dass dahinter Richard Weize steckt, ist den vielen Bear-Family-Afficionados natürlich bekannt, denn das Label ist der programmatische Alleingang seines Chefs, der mit Bear Family Berufung und Beruf verbindet. Trotzdem findet hier kein Sololauf statt, denn die firmeneigene Agenda sieht Teamwork vor. Insgesamt sind also vier Erfolgsfaktoren als Eckpfeiler des Bear-Family-Masterplans auszumachen: Identifikation, Zufall, Geschmack und Teamwork. Hört sich erfrischend-sympathisch nach Hippie-Attitüde und weniger nach kapitalistischer Leistungssteigerung an. Schauen wir doch mal, was wirklich dahinter steckt …


1. Identifikation: Objekte der Begierde

Dass Richard Weize das Lebenswerk von Künstlern in fulminanten, opulent gestalteten Werkschauen wieder veröffentlicht, die er in der Jugend verehrte, hat nicht nur mit Leidenschaft und Respekt zu tun, sondern grenzt an eine Form der Besessenheit, Träume wahr werden zu lassen. Weize selbst bekennt: “Ich bin Sammler und verrückt.“  Zeugnis dessen ist ein gigantisches Archiv, in dem rund 40.000 Schallplatten, alle 'Spiegel'-Ausgaben seit der Nullnummer, bergeweise Musikbücher/-zeitschriften, Stapel von Postern sowie Sammlungen von Masterbändern gelagert sind. Wer so in einer Sache aufgeht, identifiziert sich auf eine stark neurotisch-obsessive Weise mit dem Objekt der Begierde. Dass diese bei Richard Weize so lebendig und sympathisch ausfällt, liegt an der Institution Bear Family. Während der klassische Sammler als Archivar darauf bedacht ist, seine Fundstücke zu katalogisieren und möglichst lückenlos zu dokumentieren, verwertet Weize sein Material: er ergänzt es um weiteren Stoff und formt daraus neue Erzeugnisse, die er über das Label in den Warenkreislauf einspeist. So kommen Produkte auf den Markt, die für viele Musikliebhaber wiederum selbst zum Objekt der Begierde werden. Kurz: aus alten Schätzen werden neue – Fundgruben, Audiodokumente, Bildbände, Geschichten. Selbstredend steht dahinter keine 'Veröffentlichungspolitik', denn die Marketingfrage nach den Absatzmöglichkeiten stellt sich bei Bear Family nicht. Veröffentlicht wird nach musikalischem Geschmack, seiner Meinung nach historischen Bedeutung und zudem Aufnahmen, die man ihm als geschichtlich relevant ans Herz legte und was das Budget zulässt (dass dabei der lukrative Mailorder ein Ausgleich für die Bilanz des Labels darstellen kann, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden). Damit legt Bear Family ein höchst subjektives Kulturverständnis an den Tag, das tatsächlich ganz objektiv zu gefallen/überzeugen weiß: 2009 erhielt Richard Weize den 'Echo-Ehrenpreis für besondere Verdienste um die Musik' und 2003 den 'Preis der deutschen Schallplattenkritik' für den “langjährigen innovativen Umgang mit dem Tonträger“. Diese (sowie viele, viele weitere) Preise würdigen eine Haltung, die kompromisslos das bestmöglichste Produkt anstrebt, selbst wenn manche Box-Sets kommerziell uninteressant scheinen und der Finanzchef noch ein paar Euro dazuschießen muss, um eine Produktion perfekt zu machen. Die Labelmaxime lautet diesbezüglich: Bear Family veröffentlicht Musik so, wie sie es verdient hat, präsentiert zu werden (selbst wenn die Produktionskosten sechsstellig ausfallen). Erst kommt die Musik, dann der Verkauf. Und der Käufer, der Fan, der Enthusiast? Der spürt das! Hier will sich niemand bereichern, hier möchte jemand etwas teilen, was ihn selbst hundertprozentig berührt und überzeugt. Gibt es bessere 'Verkaufsargumente'? Zumal man wie nebenbei mit einer Bear-Family-Box schlicht alles zum Thema bzw. Künstler bekommt, was es zum Thema bzw. Künstler gibt. Haltung und Anspruch identifizieren sich vollkommen – zur Lust des Herausgebers und zur Freude der Konsumenten.


2. Zufall: Wenn es um einen geschehen ist …

Wie wäre das Ganze wohl ausgegangen, wenn im Jahre 1955 der örtliche Plattendealer 'Radio Riedel' ein größeres Angebot gehabt hätte? Sicher anders. Aber zum Glück führte das Fachgeschäft immerhin Rock Around The Clock im Sortiment, so nahm der kleine Richard eben Bill Haleys Single mit. Seine erste Schallplatte, und damit war es um den 10-Jährigen auch schon geschehen: ein lebenslanges Hören, Entdecken, Forschen und Aufspüren begann. Ganz zeitgemäß zuerst mit Elvis, Ted Herold, Peter Kraus und Conny Froboess, später und sehr prägend mit Johnny Cash (Don't Take Your Guns To Town). Rock’n’Roll und Country bildeten den Stoff, der in immer neuer Form benötigt wurde. Was lag näher, als aus der Not eine Tugend zu machen? Mit 15 Jahren begann Richard Weize, LPs aus den Staaten zu importieren. Beim Vinyl für die Freunde schlug er geschäftstüchtig eine Mark 'Gebühr' drauf, das ergab für ihn bei 12 Platten eine kostenlos. Die schmale Marge sorgte mit dafür, dass die Sammlung rasch auf Hunderte Tonträger anwuchs … Man darf annehmen, dass damals der Grundstein gelegt wurde für ein manisches Interesse am Handel mit der Ware Musik (wobei Handel der falsche Ausdruck ist, vielmehr liegt hier ein Infizieren vor: würde Richard Weize eine Million im Lotto gewinnen, würde er einfach noch mehr Tonträger veröffentlichen). Es dauerte zwar noch etwas, bis dieses über gewisse Umwege 'zufällig' mit der Gründung von Bear Family 1975 eine persönliche und optimale Form fand, doch die war dann auch endgültig. Dass damit ein erfolgreiches Geschäftsmodell in Gang kommen würde, ließ sich vor 35 Jahren keiner träumen. Richard Weize veröffentlichte Country-LPs, weil er dachte, diese wären etwas, was er gut verkaufen könnte, weiterhin Schallplatten die man ihm ans Herz legte. Der Stein des Anstoßes für nicht wenige Bear-Family-Veröffentlichungen erfolgte so durch Außenstehende. Wie es der Zufall wollte, kam also eins zum anderen: Johnny Cash zu Doris Day, Rockabilly zu Pop. In anderen Worten: Da Bear Family erkannte, dass der Markt für Country begrenzt ist, begann das Label Künstler aus vielen verschiedenen Bereichen der populären Musik, verpackt nach Art des Hauses, zu veröffentlichen. So kam es zu den legendären Box-Sets im LP-Format mit solide recherchiertem, inhaltsreichem Buch voller Fotos und umfassender Diskographie. Kurz: zu edlen Sammlerstücken, für die es offensichtlich – oh Wunder des Zufalls! – einen Markt gibt. Damit schließt sich ein Kreis, der in Weizes Jugend seinen Anfang nahm. Als Dokumentator bedient er durch die Wiederveröffentlichungen weltweit Fans und Enthusiasten mit der Musik, die sein Leben in jungen Jahren lebenswert machte. Weizes Art, Respekt zum Ausdruck zu bringen.


3. Geschmack: Haltung als Berufung

Weltmarktführer für Wiederveröffentlichungen und der "Rolls Royce unter den Country-Labels"  wird man nur mit einem exquisiten Geschmack. Und da Bear Family ausschließlich Tonträger veröffentlicht, die Richard Weizes persönlichem Geschmack zusagen oder zeitgeschichtlich wichtig sind, folgt daraus, dass Weizes Stilempfinden landauf, landab ziemlich gut ankommt und international geschätzt wird. Gerade in den USA verehrt man ihn als ausgesprochenen Kenner der Country-Szene. Nicht überraschend – wer schon vor Jahrzehnten mit Johnny Cash backstage abhing, seit den 50er Jahren obsessiv Country-Platten sammelt und Country ein persönliches Erweckungserlebnis verdankt, der kennt sich zwangsläufig aus. Was Weize an Country fasziniert, das sind die Texte, der Rhythmus und das Gefühl der Musiker. Neben Country ist es der Rock’n’Roll, der Weize seit Kindesbeinen an begleitet und einst mit Rock Around The Clock seine Musikbesessenheit entzündete. Doch deswegen Bear Family allein auf Country und Rock’n’Roll zu reduzieren, heißt Wesentliches außen vor zu lassen. Erstens fühlt sich Weize politisch eher dem linken Spektrum verbunden, zweitens beweist gerade derjenige guten Geschmack, der die wahren Perlen genreunabhängig zu goutieren weiß. Entsprechend findet sich bei Bear Family ein breit gefächertes Portfolio aus Beat, Bluegrass, Blues, Cajun, Country, Doo Wop, Folk, Gospel, Kabarett, Kleinkunst, Liedermacher, Oldies, Pop, Rhythm'n'Blues, Rock’n’Roll, Rockabilly, Schlager, Skiffle, Soul, Soundtracks, Surf, Tex-Mex, Western und, und, und. Da steht der 'Yodelling Ranger' ( 5 CD-Box von Country-Legende Hank Snow) neben 'Round The Town' (4 CD-Dokumentation über die britischen Music Halls aus der Zeit um 1900), die Serie 'Blowing The Fuse', die die Geschichte des R&B seit 1945 mit einer CD pro Jahr dokumentiert, neben der 10 CD-Dokumentation der Burg-Waldeck-Festivals (1964-1969), Lili Marleen neben Eddie Cochran, Calypso neben Hillbilly. Hier findet vieles seinen Platz. Geschmack ist eben auch eine Frage von Haltung!


4. Teamplay: Aus Persönlichem wird ein Ganzes

Wer schon einmal das Vergnügen hatte, Sonntagmorgens mit dem Telefon aus dem Bett geklingelt zu werden und von Richard Weize mit der süffisanten Frage begrüßt zu werden, ob man denn schon vom Kirchgang zurück wäre, der weiß: “Showtime – ein neues Bear-Family-Projekt bedarf meiner Hilfe.“ Allein schon die Leidenschaft in seiner Stimme reicht aus, um direkt an den Computer zu wanken und sich bedingungslos und ohne Zögern auf die nächste Mission einzulassen. Abgesehen davon: So wie die Sache stehe, hätte er den gewünschten Text schon gestern gebraucht. Sonntag? Der Tag habe schließlich 24 Stunden und 12 Stunden seien ein Halbtagsjob – wer will bei solchen Argumenten noch an einen Ruhetag denken? Niemand, der ein Herz hat, denn Weizes Enthusiasmus ist infizierend. Er selbst ist ohnehin immer für sein Werk am Start, Bear-Family-Produkte sind materialisierte Leidenschaft. Dem kann man sich nicht verschließen, ungewöhnliche Anrufe zu unmöglichen Zeitpunkten sind in seinem Konzept üblich. Man fügt sich bescheiden und ist letztlich glücklich, am Produktionsprozess mitwirken zu dürfen. Denn eins ist klar: die Qualität aller Labelveröffentlichungen ist hervorragend, hier gehört man gerne zum Team. Und das ist groß, sehr groß sogar, was von externen Beobachtern gerne unterschlagen wird. Man muss es so sagen: ohne die ideelle, gedankliche und kommunikative Hilfe der vielen Spezialisten und Freaks in Europa und den USA, die Richard Weize in seinem Tun mit Tipps, Ratschlägen und Auskünften unterstützen, könnte das Label nicht all diese wunderbaren CD-Buch-Box-Sets herausbringen. Wiederveröffentlichungen, die manchmal Jahre der Reife brauchen, aber dafür mit einem Höchstmaß an Sorgfalt sowie dem Bedürfnis nach Vollständigkeit produziert werden und deshalb den Stempel “you can always buy a Bear Family product with confidence“ aufgedrückt bekommen! Steht so wirklich im Booklet einer jeden Veröffentlichung. Bear Family produziert nicht, sondern schreibt Geschichte und sorgt dafür, dass Musik nicht vergessen wird und ein Sound am Leben bleibt. Bei der Arbeit dafür treten die Einzelnen hinter die Arbeit zurück und bringen ihre speziellen Fähigkeiten und Kenntnisse ein: Toningenieure, Autoren, Rechercheure, Künstler etc. Aus Persönlichem wird ein Ganzes, ein Lebendiges. Solche Premiumprodukte stehen für sich und gehorchen nicht dem Diktat der kurzfristigen Gewinnmaximierung; sie sind generell in jedem Markt nahezu konkurrenzlos und in der Musikbranche sowieso einzigartig.

Alexander Belser. Hamburg, März 2010



Kurzbio

So wird das richtig gemacht: 35 Jahre Bear Family

Das 35-jährige Bestehen von Bear Family ist kein wirklich rundes Jubiläum, aber ein freudiger Anlass zum Feiern! Wer es schafft, über so lange Zeit eine Zuhörerschaft an sich zu binden und daraus treue Enthusiasten zu formen, sowie im dahinsiechenden Musikgeschäft moralisch und ökonomisch auf Kurs zu bleiben, macht offensichtlich alles richtig. Wie man in den letzten 35 Jahren feststellen konnte, ist das auch tatsächlich der Fall. Das rührt daher, dass sich Richard Weize und die Mitglieder der Bärenfamilie mit dem identifizieren, was sie machen – bekanntlich die erfolgreichste Methode, bestmögliche Ergebnisse zu produzieren. Und deshalb präsentiert Bear Family Musik schlicht so, wie sie und die Künstler es verdient haben: perfekt. Für das Label bedeutet das liebevolle und technisch hochwertig aufbereitete Wiederveröffentlichungen, extrem kenntnisreiche Zusammenstellungen und üppig ausgestattete Highend-Boxsets, die Fans, Freaks und Fachleute komplett begeistern; für den Mailorder-Service hingegen eine einmalige Expertenauswahl an Tonträgern (und einigem mehr) für Jäger und Sammler. 35 Jahre Bear Family haben deutlich gezeigt – ohne geht’s nicht, Künstler und Käufer brauchen die Bärenfamilie und die sympathische Besessenheit von Richard Weize. Wer benötigt da eigentlich noch ein Jubiläum, um zu gratulieren? Im Namen aller deshalb nur ein kurzes, aber dafür um so herzlicheres "Danke". Bitte weiter so …

Alexander Belser. Hamburg, März 2010

 
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