The King-Beats - Bear Family Feature

THE KING-BEATS

Der Bandname – nur mit Bindestrich korrekt, trotz der nachweisbar verschiedenen Schreibweisen - war nicht gerade eine göttliche Eingebung und verdient sicher keinen Preis für Kreativität. Elmar Marz (†), Bassist und der älteste von drei Brüdern in der Band: "Aber er war demokratisch entschieden: Wir hatten uns alle mehrere Namen ausgedacht und dann darüber abgestimmt. Meine wurden nicht gewählt."

Der Grundstein dazu, was später zu einer der Spitzenbands im Frankfurter Raum werden sollte, wurde 1961 gelegt. Da gründeten Richard Ungerath (Bass, Gesang) sowie die Marz-Brüder Elmar (Piano, Bass, Gesang), Ehrhard (Gitarre, Gesang) und Rainer (Gitarre, Gesang) The Rockets, um tanzwütige GIs in den amerikanischen Kasernen mit Twist und Rock 'n' Roll zu unterhalten. Im Spätherbst 1962, Joachim Franz war mittlerweile als Schlagzeuger hinzugekommen, beschloß man, daß die Raketen vielleicht auch für deutsche Jugendliche zum Tanze aufspielen könnten. Bald stand auch ein Namenswechsel an. Im Januar 1964 war aus den Raketen The Strangers geworden, und das Repertoire wurde nachgebessert in Richtung Beatles, Hollies, Byrds, Searchers und was sonst noch alles so angesagt war. Ehrhard Marz: "Und da wurden auch die Haare länger. Unser Vater war ja sehr großzügig, er unterstützte uns, wo es nur ging. Aber ihm als Leiter der Frankfurter Holbein-Schule, die auch unser jüngster Bruder besuchte, waren dessen lange Haare wohl ein Dorn im Auge." Immerhin durfte die Band im obersten Stockwerk der väterlichen Realschule üben. Und der Hausmeister, ein Herr Ruff, erklärte sich bereit, für die ersten öffentlichen Auftritte die Aufgabe des Chauffeurs zu übernehmen. Später mußte er diesen Job an Elmar bzw. Ehrhard abtreten. Die Rückfahrt zu bewerkstelligen, das war meist Ehrhards Sache, er galt nicht umsonst als der vernünftigste der drei. Ehrhard Marz: "Daß ich die Rückfahrt bestreiten mußte, hat mich oft genervt. Ich erwartete mehr Unterstützung. Aber unsere Eltern mußten um Rainer, unseren Jüngsten, nie Angst haben - obwohl er zur Zeit der Strangers erst 14 oder 15 war. Anfangs paßte Herr Ruff mit auf, und dann waren ja immer wir älteren Brüder dabei."

Elmar Marz: "Als Strangers verlegten wir uns mehr auf den Gesang, als noch bei den Rockets. Wir konnten ja dreistimmig singen, wir Brüder, und zu Hause hatten wir jede Menge Gelegenheit zu üben." Elmar hatte die höchste Stimme, Ehrhard die tiefste, und Rainer lag irgendwo in der Mitte.

Mit Einzelgastspielen und Monats-Engagements wie im Hobby Tanzpalast eroberte sich die Band den Frankfurter Raum, "aber meistens nahmen wir keine Monats-Engagements an, denn wir waren ja alle noch auf der Schule oder hatten eine Lehrstelle. Oft spielten wir aber zwei oder drei Gigs am Samstag. Da baute dann jede Band in einem Saal ihre Anlage auf, und wir fuhren von einem Saal zum anderen, lediglich mit Gitarren, Trommelstöcken und Mikrophonen bestückt. Die anderen Bands machten das gleiche - nur in anderer Richtung. Unsere Hochburgen waren ein Club in Köppern, der Club E in Marburg und das K 52 in Frankfurt." Hier und da akzeptierten die Jungs auch Naturalien als Gage - wie beim Sommerfest von VW-Klöckner. Anschließend wurde das Auto kostenfrei instand gesetzt.

Kurz nach der Namensänderung wurde Joachim Franz durch Peter Walliser ersetzt - ihn hatte man in der Kirchengemeinde kennengelernt. Einen Monat später kam Hans-Werner Heine mit seiner Orgel, um den Sound der Strangers etwas voller zu machen. Ungerath war zu den Echoes abgewandert. Mittlerweile besaß die Band auch das beste Equipment in der Region. Als die Gruppe immer populärer wurde und ihr zu Ohren kam, daß noch andere Bands, die sich gleichfalls The Strangers nannten, speziell in Norddeutschland die Runde machten, kam es zum erneuten Namenswechsel. Der Name King-Beats brachte nochmals neuen Schwung und ein Plus an Fans. Nun bemerkten auch die Plattenfirmen, was für eine wunderbare Saat da in ihren Hinterhausgärten aufgegangen war. Im Mai 1965 - Ungerath war wieder an Bord - spielte die Band noch einmal unter ihrem alten Namen, The Strangers - dem Veranstalter zuliebe. Die 'Super Beat Party' in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst war angesagt, und mit von der Partie waren The Searchers und The Swinging Blue Jeans.

Im Oktober 1965 mußten die King-Beats Heine und Walliser ziehen lassen - als Ersatz kam Jürgen Zöller, der später für BAP trommelte. Kurz zuvor hatte Hans Podehl, Produzent bei der CBS, den King-Beats einen Plattenvertrag angeboten, da hatten die Jungs aber erste Plattenaufnahmen bereits hinter sich. Die King-Beats haben unter Podehl in einem Jahr fünf Singles, drei LPs und verschiedene Songs auf Samplern unter nicht weniger als sechs verschiedenen Namen herausgebracht.

Schon als sie den Holländer Robert Williams - offensichtlich ein Dave-Clark-Five-Fan - auf der deutschen Philips-Single Do You Love Me (ein Cover des Hits für die Dave Clark Five und Brian Poole & The Tremeloes) mit der Rückseite Du gehörst nur mir (eine deutsche Version des Dave-Clark-Titels Can't You See That She's Mine) begleiteten, besaßen sie Studioerfahrung, denn im Frühjahr 1963 hatten sie Aufnahmen mit dem Amerikaner Billy Sandlin gemacht. Zwei davon, die Sandlin-Eigenkompositionen My Little Twistin' Baby und My Little Star, wurden als Single veröffentlicht. Elmar Marz: "Billy Sandlin war ein GI - und eines Abends kam dieser abgebrochene Meter mit einem Zentimenter naturblonder Stoppelfrisur zu uns auf die Bühne und drängte uns, ihn mal singen zu lassen. Das wurde ihm dann gnädig gestattet. Später fragte er uns, ob wir nicht Lust hätten, ihn im Studio zu begleiten - er würde alles bezahlen. Wir nahmen also eine Reihe von Songs auf, er schickte die Bänder an amerikanische Plattenfirmen, und das nächste - und letzte - was wir von der Sache hörten, war ein Karton voller Singles."

Bald nahmen die King-Beats für die CBS unter ihrem eigenen Namen auf: Archibald II, eine Nummer von Dipsy & The Doodles im Stile der schwarzen US-R&B-Vokalgruppen, und ihre erste Eigenkomposition, Hear What I Say, einen atmosphärischen Slowfox mit klasse Gesang á la Keith Relf auf Still I'm Sad - mit so einer schön schneidenden Leadgitarre, ganz scharf aus dem Hintergrund. Und das Stück steht heute noch aufrecht wie eine Eiche - auch aufgrund des für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich guten Textes. Als Autor ist R. Jeer angegeben, und man fragt sich unwillkürlich, wer dieser begnadete Mensch denn bloß sei. Die Lösung ist ganz einfach: R (ichard), J (ürgen), E (hrhard), E (lmar) und R (ainer). Offensichtlich hatte auch die CBS Schwierigkeiten mit der Identität dieses talentierten Autors, und so gab man einem Rudolf Jeer die Ehre, Autor der Rückseite der zweiten King-Beats-Single zu werden.

Am 11. Januar und 12. Januar 1966 machten die King-Beats in Berlin Aufnahmen für die Teldec, nur scheinbar unter den Fittichen von Dieter Behlinda. Für die sechs Stücke der Strangers auf dem zweiten 'Live At The Liverpool Hoop'-Sampler zeichnete Hans Podehl verantwortlich. Die Platte war natürlich nicht live, ist aber heute ein begehrtes Sammlerstück, weil sie Songs von Deutschlands R&B-Band No.1, The Boots, und der leibhaftigen Rock 'n' Roll-Horrorshow-Legende Screaming Lord Sutch (†) enthält. Aus vertraglichen Gründen arbeiteten die King-Beats unter ihrem alten Namen, The Strangers, und sie bieten uns anständige Versionen von erprobten Beat-Nummern wie Heart Full Of Soul, We Can Work It Out, I Go Crazy, I’ve Got To Go, Please, Don't Feel Too Bad und Tossin’ And Turnin’. Ehrhard Marz: "Wir haben dort auch zwei deutsche Titel aufgenommen, die sind aber wohl im Papierkorb gelandet."

Der Produzent Hans Podehl war nicht nur ein ehemaliger Schlagzeuger, der gelegentlich bei den King-Beats hinter der Schießbude saß, er hatte ja immer was aus dem Hut zu zaubern. Podehl schubste die King-Beats, so oft es ging, die Kellertreppe zum Studio runter, damit nur etwas auf Band gelange! Das fing schon früh an, und so kam es am 21. Januar und 22. Januar 1966 in Berlin zu Ray Textor. Mein Traum der Liebe war eine deutsche Fassung von Simon & Garfunkels Sounds of Silence, und Podehl, der die Nummer in den USA klettern sah, wollte sie unbedingt zeitgleich mit dem Original auf dem deutschen Markt haben. Den Rang ablaufen konnte er Simon & Garfunkel damit nicht. Ehrhard Marz: "Der Name war auch so ein Ding. Rainer sang die Nummer ja, also wurde aus ihm Ray. Wir wohnten damals in der Textorstraße in Sachsenhausen. So wurde Ray Textor & The Strangers aus uns."

Am 22. Februar ereilte die Band ein Schicksalsschlag, der erst einmal zu verdauen war. Auf der Rückfahrt von einem Auftritt fuhr Jürgen Zöller, von einem entgegenkommenden Auto geblendet, seinen Pkw gegen eine Baum. Seine Freundin Christel Augustin starb bei diesem Unfall, er selbst erlitt Arm- und Rippenbrüche und konnte erst am 22. April aus dem Krankenhaus entlassen werden. Also mußte überbrückt werden: Wenn der befreundete Klaus Kieswald einmal nicht als Ersatz zur Verfügung stand, setzte sich Rainer Marz selbst hinter die Schießbude. Er war ja nicht unbegabt als Trommler, 1968 sollte er gar als etatmäßiger Schlagzeuger bei den Berliner Rollicks einsteigen. Bevor die Band am 22. März 1966 (einen Tag nach Hans Podehls Geburtstag) im Studio Pfalzgraf in Walldorf mit den Aufnahmen zu ihrer ersten völlig eigenen LP startete ('Our Generation', die bereits einen Tag später im Kasten war), hatte sie dort Ende Januar schon fast zwei Dutzend Songs aufgenommen. Am 28. Januar waren sie angerückt, am 29. Januar gegen 13 Uhr waren sie fertig. Hans Podehl hatte die CBS von der Qualität der musikalischen King-Beats-Darbietungen überzeugen können, und so wurde ihnen die Ehre zuteil, am 29. Januar 1966 ab 13 Uhr die Playbacks für zwei Singles für Inge & Fats (Inge Brandenburg und Otto Ortwein) einzuspielen.

Das bis 13 Uhr eingespielte Material kam später auf zwei Alben heraus, die als Billigplatten für Kaufhaus-Kunden konzipiert waren. Auf 'Beat Party In Stereo' hören wir die King-Beats unter dem Pseudonym The Ad-Libs und auf 'Beat Party In Stereo Vol. 2' als The Richard Brothers bzw. The Ad-Libs (& Antonius). Elmar Marz erklärt, wie es damals so zuging: "Den Text zu 'Goodbye My Love' hatte mir der Searchers-Drummer Chris Curtis aufgeschrieben, nachdem Hans Podehl, der oft mit uns herumreiste, wieder einmal gerufen hatte, 'Das müssen wir aufnehmen,' als er die Searchers bei einem gemeinsamen Konzert 'Goodbye My Love' spielen hörte. Podehl hatte ständig irgendwelche Ideen, was wir alles mal aufnehmen müßten!" Beide 'Beat Party In Stereo'-LPs (wie überhaupt alle King-Beats-Aufnahmen) waren live im Studio eingespielt worden, und gerade das ist es, was sie noch heute so eindrucksvoll macht. Ohne alle Faxen, nur zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug! Keine Streicher, keine Rüschen, keine Politur und kein falsches Pathos. Merseybeat geradeheraus. Und der Gitarrensound war ziemlich modern, die Balance zwischen Lead- und Chorgesang gerade richtig. So können die beiden LPs als gutes Beispiel für den Standard deutscher Bands dienen, wenn man die Band denn so gewähren ließ, wie sie es konnte und wollte. Gibt man noch den gelegentlichen Song von The Raves aus Offenbach und The Spotlights aus Frankfurt hinzu und ein wenig Applaus dann hat man zwei Klasse gemischte LPs. Gelungene Cover von We've Got To Get Out Of This Place und It's My Life zeigen den Animals, daß deutsche Bands es auch können; der Versuch, Louie Louie zu bringen gelingt, und wenn Gitarre und Harmonika sich während des Solos duellieren, dann zeigen die King-Beats, wo der Hase läuft. Die Band konnte Klassiker wie Oh Carol, Sorrow, Slow Down, It's In Her Kiss oder Talkin' 'Bout You mit geschlossenen Augen und im Schlaf spielen, so gut wie sonst kaum einer in der Region, und so sind die LPs denn auch ständige Begleiter des Autors. Die Band wußte, wie man tausendfach abgenudelte Songs wieder aufmotzte, ihnen ein neues Gewand verpaßte, um sie aus dem alten Sumpf herauszuhieven. Auch die Auswahl war immer wieder überraschend - denn welche deutsche Band traute sich schon an I've Got That Feeling von Ray Davies heran? Der absolute Knaller aber ist I Just Wanna Make Love To You - angestimmt, als wolle man Little Red Rooster bringen. Das klingt stark, ein Sound, der auf das 'Revolution'-Album von Q 65 gepaßt hätte. Hört euch an, wie die King-Beats im Mittelteil den Fuß so richtig ins Gaspedal stemmen! Grandios und absolut eigenständig. Der Elmar-Bruder lieferte Bassläufe ab, die sich irgendwo unterwegs zu überschlagen drohen, und wenn's mit dem Englisch mal ein bißchen hapert, nimmt es ihnen keiner übel; denn wenn die Gitarristen die Verstärker für ein Solo aufdrehen, kann man sicher sein, daß sie wissen, worauf es ankommt. Mit dem etwas seltsamen Stereo-Mix (Bass und Schlagzeug auf dem einen Kanal, die Gitarren auf dem anderen) kann sich jeder nach seiner Fasson den Sound abmischen. Und wen's interessiert: der auf 'Beat Party II' beteiligte Antonius war ein gewisser Volker Henf, Folk-Sänger, mit dem die Band befreundet war, und der bei den King-Beats Konzerten des öfteren den hessischen Bob Dylan mimte - während die Band Pause machte.

Am 23. März 1966 hatten die drei Marz-Buben (mit Hans-Werner Heine an der Orgel und Klaus Kieswald [ex-Krauts; ex-Echoes] am Schlagzeug) 'Our Generation' im Kasten, und noch am selben Tag blieb Zeit für eine Photo-Session, um der Musikzeitschrift 'OK' Bildmaterial zu liefern und der Platte ein angemessenes Cover zu verpassen. Die unter dem Namen The Strangers veröffentlichte LP war eine Sammlung von Beat-Hits und wurde von der Berlitz School of Languages stimmlich gesponsort. Deshalb gab es im Untertitel die Aufforderung 'Sing along with the Beat' und als Begleitung Mechthild und die Berlitz-Beat-Boys and Girls - die machten sich um den Chorgesang verdient und zwitscherten und trällerten ganz allerliebst im Hintergrund. Das Album war recht teuer und professionell gemacht, mit guter Produktion, teuren Photos und Qualitätsdruck für den Umschlag. Einen kompletten Satz Songtexte bekam der Käufer auf der Rückseite der LP mitgeliefert, damit das Motto auch in die Tat umgesetzt werden konnte. Die Lieder wurden als Medleys in Blöcken von drei bis vier Titeln gesetzt, und so glitt dann beispielsweise Ticket To Ride in Mr. Tambourine Man. These Boots Are Made For Walkin' - Spotlight an für das Echo-Hall-Gerät! Und Mechthild stolperte halbwegs graziös in Barbara Ann. Oder eine Gitarren-dominierte Version von Sounds Of Silence verwandelte sich ganz elegant in Heart Full Of Soul, das dann wieder auf The Game Of Love rumpelte. The King-Beats, ach nein, The Strangers - schwer angebend mit ihrer Farfisa-Orgel - erwiesen sich als kompetente Band, und so zeigte denn keiner der aufgenommenen Songs das verbreitete Gestümpere von Bands, die man ins Studio karrte, um billigst irgendwelchen Abfall zu (re)produzieren. Die richtigen Knaller sind allerdings erst auf der B-Seite zu finden, wo die King-Beats, befreit von der Last der Berlitz Boys and Girls, die richtig schweren Pakete packen durften, wie z. B. das Medley aus All I Really Want To Do/Shakin' All Over/For Your Love/Here It Comes Again. Ein richtiger Hammer war dann ihre Interpretation von Satisfaction - man stelle sich eine mit Orgel untermalte Version mit Pete Townshend an der Gitarre vor.

My Generation hatten sie ja schon im Verbund mit Keep On Running auf dem ' haten Sie jaBeat Band Battle' der Stadt Frankfurt zum Besten gegeben, und damit waren Sie auch auf dem aus dem Festival resultierenden Sampler vertreten gewesen - neben The Rangers (bevor Marek Lieberberg sich zu ihnen gesellte), The Anoms, The Skins, The Shapes, The Spotlights, The Cheats und The Maniacs. Der King-Beats-Beitrag war, zusammen mit These Boots Are Made For Walking von den Rangers, der Höhepunkt der LP. Bei Keep On Running holpert es ja noch ein wenig, aber wenn's dann an My Generation geht, dann räumen sie ab. Sie hauen ihre Anlage nicht kurz und klein. "Wir waren damals schwer gehandikapt. Jürgen hatte ja den Autounfall gehabt, so daß Rainer das Schlagzeug spielen mußte. So waren wir nur zu viert, ohne unseren Melodiegitarristen, und das kann man deutlich heraushören. Und dann fiel immer wieder eins der Mikrophone aus. Wir haben damals sowieso nur teilgenommen, weil wir eine der Ausscheidungen gewonnen hatten. Sowohl vom musikalischen als auch ökonomischen Standpunkt her war so ein Festival für uns uninteressant. Wir waren ja bei der CBS unter Vertrag, so daß wir von so einem Festival nichts mehr zu erwarten hatten. Aber die Stadt Frankfurt wollte unbedingt, daß wir spielten, und so haben wir es dann gemacht. Ich weiß nicht einmal mehr, wer die 'Beat Band Battle' damals gewonnen hat."

Podehl traute den King-Beats einfach alles zu. So ließ er sie mit Silvio Francesco zwei Titel aufnehmen und schickte sie am 16. April 1966 mit Monika Kuhlke ins (Biton-)Studio, um zwei Lieder einzuspielen, die diese als Monika Marleen herausbringen sollte. Einer der Titel hieß Tu doch bloß nicht so schüchtern. Diesen schien ein Gast in einem Saal in Brandoberndorf gehört zu haben. Von Schüchternheit keine Spur, machte er sich an die Freundin (und spätere Lebensgefährtin) von Elmar Marz heran. Elmar schritt - natürlich - ein, und bald war die feinste Schlägerei im Gange, so daß die Band die Instrumente abstellen mußte, um Elmar aus der mißlichen Lage zu helfen. Am 23. Mai kam man mit Kuhlke/Marleen und Podehl noch einmal im Biton-Studio zusammen, weil Filmaufnahmen anstanden. Der Landesfilmdienst Hessen (man kennt die Dinger: erst Knattern, dann Flimmern, dann die Buchstaben FWU in einem Kreis untereinander angeordnet und schließlich die Schülerstimme aus dem Hintergrund: kaputt im Nu!) drehte einen in der Schule einzusetzenden Lehrfilm über die Entstehung eines Schlagers. Titel: 'Schlager am Beispiel Monika Marleen.' Podehl, Marleen und die King-Beats zeigten es den Schülern, wenn auch manches etwas gestellt wirkt.

Archibald II hatte die Band mehr als nur ein Stückchen weiter bekannt gemacht. Auch, weil man damit am 5. Mai 1966 in der 'Drehscheibe' des ZDF aufgetreten war, beschloß man, den humoristischen Einschlag der Single-A-Seite weiter zu verfolgen. Die Band durfte im Mai 1966 eine (nicht unbedingt gnadenlos) witzige Version des Chuck-Berry-Klassikers Too Much Monkey Business (damals so etwas wie ein Muß für jede deutsche Band) feilbieten. Titel: Too Much Language Business. Klanglich hatte man den Rock 'n' Roll auf ein Minimum reduziert und durch eine Dosis Merseybeat und eine Gitarrenmelodie ähnlich I Feel Fine ausgeglichen. Dummerweise war der Text ein Konglomerat aus Kindersprüchen in Hessisch - was nicht jedermanns Ding war oder ist, meins jedenfalls nicht. Immerhin war es meines Wissens das erste Mundart-Rock-Stück der deutschen Musikhistorie. Als die Single am 6. Juli 1966 herauskam, verbarg sich die dicke Zigarre wieder einmal auf der B-Seite. Same Way Every Day kam daher wie eine Mischung aus The Hollies und The Attack, und obwohl die Gitarre zu weit in den Hintergrund gemischt wurde, wußte das Stück auch klanglich zu überzeugen. Die Band hatte einen weiteren Beat-Edelstein geschliffen.

Mit dem damaligen Streit der Rundfunkanstalten vs. GVL (Erhöhung der Gebühren für Musik von Tonträgern) wuchs auch das Interesse an Jux-Platten. Die King-Beats waren dabei, und unter dem Pseudonym Malepartus II präsentierten sie uns Lisbeth (Wild Thing) und Ich glaab, die hole mich ab, haha (They're Coming To Take Me Away, Ha Ha) - beide in breitestem Hessisch. Am 22. September 1966 rückte die Band um 20 Uhr im Studio an, um 0 Uhr 30 waren die beiden Seiten im Kasten. Gesungen von Peter Walliser, sollte Lisbeth die meistverkaufte Platte der Band werden - die Nummer kratzte sogar an den Top 10. Ehrhard Marz: "Es gab ja einen anderen Malepartus, deshalb dachte sich Produzent Podehl Malepartus II aus." Ja, von dem anderen Malepartus gab es Fraa, bring de Äppelwoi (Telefunken U 55 962) und Komm doch rei - komm doch rin (Ariola 14 050 AT). Wolfgang Düringer: "Malepartus! Der hatte eine Kneipe in Karben, und die Band waren Teile von Adam & die Mickys, die haben auch Aufnahmen auf Telefunken gemacht."

Die Texte für die Lisbeth-Single waren von den King-Beats selbst geschrieben worden, allerdings ohne Richard Ungerath, der die Band mal wieder verlassen hatte. Ehrhard Marz: "Für uns kam als 'Sänger' nur der Walliser in Frage, obwohl der mehr aus der Tanzmusik kam. Wir kannten ihn ja schon lange, er hatte ja auch bei den King-Beats getrommelt. Er wurde ausgesucht, weil er so ein schönes Hessisch sprach." Mit Lisbeth (und Walliser) waren die King-Beats pünktlich am 11. November zu Gast in der 'Drehscheibe.'

Aber Zeit zum Rasten blieb den Jungs nicht, denn schon am 29. November wurde die Band wieder ins Studio gelotst, um einen Lisbeth-Nachfolger zu kreieren. Als 'Onkel Schorsch' (und unter dem Slogan 'Original Frankfurter Ebbelwoi Beat') gab's Tschingderassa Bum und Trinke derfste - saufe net. Wieder nicht unbedingt jedermanns Geschmack, in der Tat, wie Ebbelwoi auch. Da halten wir's eher mit einem trockenen Roten und dem erstklassigen Gesang auf I Know You Need Me -inklusive der neuartigen Dinge, die sich auf der Rückseite taten. Das war die dritte King-Beats-Single, und Richard Ungerath wieder mit an Bord.

Die Saxophon-gestützte Soulnummer I Know You Need Me, die man auch Geno Washington zugetraut hätte, blieb verkaufsmäßig hinter den anderen Singles zurück. Die Band hatte sich mit den Saxophonisten Ralf Wildheis und Volker Burkhardt verstärkt, und das Schlüsselwort wurde deutlich: Progression. Die King-Beats gehörten zu den ersten, die in Deutschland die Beatle-Boots in die Ecke stellten und in die Mokassins schlüpften. Bläser gehörten nun fest dazu, der Soul-Train war auch in Deutschland eingefahren, und die King-Beats standen am Bahnsteig bereit. Leider wurden die am 26. Mai 1967 gemachten Aufnahmen von Shake, Land Of Thousand Dances und anderen Soul-Titeln nicht veröffentlicht. Die Plattenfirmen hielten sich zurück, obwohl die King-Beats auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen waren und keine Rede mehr davon war, daß man vielleicht - wie vormals - lediglich die Vorgruppe zu Bands wie The Searchers, The Swinging Blue Jeans, The Statesmen, The Rattles, The Boots, The Monks, The Rebels, Didi & His ABC Boys, The Rainbows, Lee Curtis & The All Stars, The Lords oder Casey Jones & The Governors machen könnte.

Mit Nick Charles hatte die Band zeitweilig einen schwarzen Sänger. Eigentlich hieß er Charles Nixon, ein US-Amerikaner. Aber da er sich mit dem Politiker, mit dem er den Nachnamen teilte, nicht identifizieren mochte, legte er sich den Künstlernamen Nick Charles zu. Als die Band am 29. Mai mit Little Lord im Biton- Studio Aufnahmen machten, konnte Charles allerdings nur zuschauen.

Dies war die Zeit, Frühsommer 1967, als der Zusammenhalt in der Band zu bröckeln und die Interessen der Bandmitglieder auseinander zu driften begannen. Während die Marz-Brüder immer als Einheit aufgetreten waren, wobei jeder für seinen Part zuständig war - Elmar für das Management, Ehrhard und Rainer für entsprechende musikalische oder logistische Bereiche - so stockte die Kommunikation nun, gingen die musikalischen Auffassungen auseinander. Der Bruch war unvermeidbar, zumal Ehrhard ja bereits einige Jahre sein Studium verschleppt hatte und sich nun entscheiden mußte. Ehrhard Marz: "Da habe ich gesagt: 'Jetzt kommt der Beruf.'" Rainer wollte Profi werden. Elmar and Ehrhard formierten, nur hobbymäßig, The Main-Set. Bevor Ehrhard seinen Job als Studienreferendar für das Lehramt am Gymnasium mit den Fächern Deutsch und Geschichte antrat, spielte er noch bei The Beasty Life, die bald zu Acid 25 konvertierten - einer Band mit Curt Cress (prä-Orange Peel, Schlagzeug), drei schwarzen Sängern und gelegentlich mit Rainer Marz an der Gitarre.

Rainer (wie auch Jürgen) blieb der Musik treu und richtete sich auf ein Leben als Profi ein, indem er zunächst bei Marmelade (deutsch auszusprechen und vormals The Echoes), einer Frankfurter Band, dann bei den Rollicks aus Berlin und anschließend bei Jeronimo anheuerte. Weitere Schritte in seiner Karriere tat er in Zusammenarbeit mit George Eperjesi, als Solokünstler oder mit Atlantis sowie der Disco-Granate Supermaxx. Viele Sessions im Diercks-Studio bei Köln sollten folgen, u. a. für Wyoming (Peter Bender), Epsilon, Midnight Circus, Jeremy B., Tiger B. Smith und Inga Rumpf.

HANS-JÜRGEN KLITSCH

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