Presse - Bear Family Records - Rookie September 2012

Rookie September 2012 Auflage
Star der Stars
Seit 37 Jahren veröffentlicht das Reissue-Label Bear Family Werkschauen mit den großen Namen der Musikgeschichte. ROOKIE besuchte den Label-Chef und „Echo"-Preisträger Richard Weize in der Firmenzentrale.

0 ei einem Konzert in. Berlin widmete Patti Smiths Gi-tarrist Lenny Kaye kürzlich der Bear Family ein Med-ley. Das Reissue-Label sei „die beste Plattenfirma der Welt", sagte Kaye — eine Meinung, die nicht wenige seiner Kollegen und Kolle-ginnen teilen. Schon oft be-kam Richard Weize, Chef des in Hambergen bei Bremen ansässigen Unternehmens, Lob von Künstlerseite, etwa von Legenden wie Pete Seeger und Johnny Cash. Sie alle bewundern die Akribie und Leidenschaft, mit der Weize und sein Team den Anwürfen des Marktes trotzen und seit nun 37 Jahren ganze Diskografien res-taurieren und veröffentlichen. Die Box-Sets zu Johnny Cash, Hank Snow, Dean Martin, aber auch Doris Day und Friedrich Hollaender stehen im gut sortierten Fach-handel überall auf der Welt, sind begehrte Sammlerstücke und überhaupt der Stan-dard in Sachen Wiederveröffentlichung.

Die Werk-Recherche, die Tonrestauration, die Liner Notes: alles erstklassig, weshalb Bear Family diverse internationalen Aus-zeichnungen erhielt — Weize selbst bekam 2009 sogar den „Echo" für sein Lebens-werk. „Es ist ja nicht so, dass wir absolut großartig sind", relativiert Weize, „die an-deren sind einfach nur schlechter." Auch für diese Art von markigem Aus-spruch schätzt man Weize, der das Herz am rechten Fleck hat, aber auch kein Blatt vor den Mund nimmt. Moderne Funktio-näre aller Art kriegen ihr Fett weg, wenn Weize den Niedergang der Branche, des guten Geschmacks und der Moral im All-gemeinen beklagt. Der Bear-Family-Chef wirkt wie eine Art Majestix im Kampf ge-gen Rom, sein Label wie eine Trutzburg gegen den allgemeinen Werteverlust — Bear Family gilt als Symbol für Integrität und einen ordentlichen Umgang mit der Mu-sikgeschichte. „Ob ich nun Angela Merkel bin oder Richard Weize — ich muss doch in der Lage sein, morgens in den Spiegel zu gucken. Sonst muss ich etwas anderes mit meinem Leben machen", sagt Weize. Zu Besuch bei Bear Family — die Zen-trale ist ein umgebauter Bauernhof — meint man, solche Überzeugungen spüren zu können. In den Archiven stehen zigtau-send Master-Bänder, CDs, Schallplatten und freilich die oft preisgekrönten Box-Sets, die man gern aus den Regalen zieht, uni' sich in die jeweilige Musikgeschichte zu versenken. Das hier ist das Reich des Richard Weize, der als Knirps im örtli-chen Musikfachgeschäft die Single „Rock Around The Clock" erwarb und seither vor allem von Rock'n'Roll und Country, sagen wir ruhig: besessen ist. Sein Label ist breiter aufgestellt, liefert Wiederveröffent-lichungen von deutschem Schlager ebenso wie Blues, Beat und Latin.

In der Nähe des Bauernhofes sitzt die Mailorder-Abtei-lung, das Rückgrat von Weizes Geschäft, zu dessen Kunden Leute wie Lou Reed und Bob Dylan gehören. Ungefähr 30.000 Artikel sind vorrätig, darunter Gene Autry und die Carter Family genauso wie Conny Froboess und Volker Lechtenbrink. Doch Weize geht noch weiter und kreiert aufwendige Boxen zu kulturhistorischen Themen, zum Beispiel zur musikalischen Reflexion des Vietnam-Krieges ebenso wie unlängst des Kalten Krieges — „Atomic Platters" umfasst fünf CDs, eine DVD und ein fast 300 Seiten starkes Buch mit detaillierten Informationen zu den 100 Stücken sowie deren historischem Kontext. Das große Geld lässt sich freilich mit den Bear-Family-Boxen nicht verdienen. Die Arbeit ist aufwendig, hohe Verkaufs-zahlen sind meist nicht zu erwarten. Auch die Künstler machen keinen großen Rei-bach, weil viele von ihnen vor 50 und mehr Jahren Verträge abgeschlossen haben, die sie per se mehr oder minder leer ausgehen lassen. Wenn überhaupt etwas reinkommt, kriegt es das Label von damals.

Das gebe dann schon mal Stress, sagt Weize, weil diser oder jener Sänger sich ausgenutzt fühlt. „Wenn er die fertige Box sieht, denkt der Mann im Walde von Georgia, hier geht die Post ab. Dass wir hier mit Hän-gen und Würgen 1000 Stück verkaufen, das versteht der natürlich nicht." Johnny Cash zum Beispiel sprach ein paar Jahre lang kein Wort mit Weize. „Der dachte, ich verarsche ihn", sagt Weize, „später hat er dann aber gesagt, das Beste, was von ihm veröffentlicht worden sei, hätte ich gemacht. Da denkt man dann, da hast du wohl relativ gut gearbeitet." Weize und Cash wurden so etwas wie Freunde — wie der Bear-Family-Chef über-haupt mit vielen Künstlern gut bekannt ist. Denn sie erkennen in ihm einen Ver-bündeten, der ihr Werk honoriert und sie vorm Vergessen bewahrt. Auch wenn das immer schwieriger wird. „Natürlich gehen die Geschäfte schlecht", sagt Weize, „die Leute haben immer weniger Interesse an der Vergangenheit — mir sterben meine Kunden weg. Aber wenn ich das hier nur wegen des Geldes tun würde, hätte ich gar nicht erst angefangen. Man muss mit dem Herzen dabei sein."
Rookie September 2012 Auflage 30000

 

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