Presse - Next Stop Is Vietnam - NZZ Online

Pop im Schützengraben
Eine illustrierte CD-Box dokumentiert den Vietnamkrieg in der amerikanischen Pop-Kultur


Die Lieblingsmusik der Vietnam-Soldaten während ihres Einsatzes reichte von James Brown über Jimi Hendrix bis zu Crosby, Stills, Nash&Young. (Bild: PD)

Die Lieblingsmusik der Vietnam-Soldaten während ihres Einsatzes reichte von James Brown über Jimi Hendrix bis zu Crosby, Stills, Nash&Young. (Bild: PD)
Jonathan Fischer ⋅ Vietnam ist überall. Das suggeriert zumindest der Kult der Protest-Songs, die bereits den Vietnamkrieg begleiteten, die heute aber in anderem Kontext zu Allzweckwaffen der Gegenkultur geworden sind. Bob Dylans «Masters Of War» wird auf Kundgebungen gegen den Afghanistankrieg gesungen, Barry McGuires «Eve Of Destruction» begleitet Anti-Atomkraft-Marschierer, und Neil Youngs «Ohio» erlebte eine Neuinterpretation als Hommage an die «Katrina»-Opfer in New Orleans.
Songs und Slogans 

 

Offensichtlich gibt es selbst im Internetzeitalter nichts Wirksameres als einen eingängigen, mit Slogans gespickten Song, um für ein politisches Anliegen zu mobilisieren. Vietnam war wohl der erste Krieg, der auch in den Schützengräben der Pop-Kultur ausgefochten wurde. Musikalisch Propaganda gemacht wurde damals auf beiden Seiten des politischen Spektrums: Auf der einen Seite setzte man auf Folk-, Rock- und Soul-Klänge, auf der andern eher auf Country-Musik. Dies zeigt eindrücklich «Next Stop Is Vietnam: The War On Record, 1961–2008», eine hervorragende Anthologie des deutschen Labels Bear Family. «Wenn dieses Werk dazu beiträgt», sagt Country Joe McDonald im Vorwort der 13-CD-Box, «über den Preis des Krieges nachzudenken, dann ist es vielleicht etwas wert. Aber wir haben für diese Lektion einen schrecklichen Preis gezahlt.»


Pop-Musik als Arm der Politik – das gehört mit zum Erbe jenes Krieges, der in Amerika tiefe Wunden hinterlassen hat. Mehr als zweieinhalb Millionen Amerikaner dienten in Vietnam. Viele der einstigen Soldaten leiden bis heute unter Krankheiten, Traumata und Depressionen, die mit dem einstigen Waffengang zusammenhängen. So sterben Vietnamveteranen früher als Landsleute, die nicht in den Krieg zogen. Doch bei allen psychischen und physischen Verlusten, die der Krieg mit sich brachte: Er hat die Pop-Kultur mobilisiert wie kein Ereignis zuvor. Er brachte Befürworter wie Gegner dazu, Pop-Songs für die gelebte Demokratie zu instrumentalisieren.
«Next Stop Is Vietnam» – das Box-Set mit einem guten Dutzend CD und einem über 300-seitigen Hardcover-Begleitbuch im LP-Format ist das ausführlichste jemals veröffentlichte Projekt zum Thema Pop und Vietnamkrieg.

Allein das Buch mit Hunderten, meist farbigen Archivfotografien, einem ausführlichen Text zu jedem enthaltenen Song sowie seltenen Feldaufnahmen von Musik hörenden GI, aufreizend gekleideten Pop-Sternchen auf Truppenbesuch, radikalen Studentenführern und von Polizisten verprügelten Anti-Kriegs-Demonstranten wirft ein Schlaglicht auf die polarisierte amerikanische Gesellschaft jener Jahre. Dazu kommen die 330 Musik- und Spoken-Word-Nummern: Sie nehmen den Hörer mit auf eine Geschichts-Tour, die bei den ersten naiven Impressionen Amerikas vom fernen Vietnam anfängt, die erhitzte Debatte über die Rechtfertigung des Krieges von beiden Seiten beleuchtet und noch lange nicht aufhört, wenn der letzte amerikanische Soldat aus Saigon evakuiert ist.


Die Song-Sammlung geht weit über die grossen Namen hinaus. Bob Dylan, Joan Baez, Merle Haggard, Pete Seeger, Bruce Springsteen, Phil Ochs, Johnny Cash, Yoko Ono, John Lennon, The Doors und Country Joe McDonald sind freilich vertreten. Doch daneben stehen Songs Dutzender unbekannterer Musiker oder singender Vietnamveteranen. Dazu kommen selten gehörte Dokumentaraufnahmen: etwa Durchhalteparolen der staatlichen Public-Service-Announcements oder vom nordvietnamesischen Radio gesendete Solidaritätsadressen von Jane Fonda oder Hanoi Hannah. Die Herausgeber Hugo A. Keesing und Bill Geerhart haben für das Begleitbuch jahrelang recherchiert. Ihre Texte werden ergänzt durch eine Kriegs-Chronik des Historikers Lois T. Vietri und einen Essay von Doug Bradley und Craig Werner über die Lieblingsmusik der Vietnamsoldaten während ihres Einsatzes – von James Brown über Jimi Hendrix bis zu Crosby, Stills, Nash & Young.
«Ohio»
Neil Young war es denn auch, der mit «Ohio» eine der eindringlichsten Anti-Kriegs-Hymnen ablieferte. «Tin soldiers and Nixon's coming / We're finally on our own. This summer I hear the drumming / Four dead in Ohio.» Anlass des Songs waren weniger die Gemetzel auf den Schlachtfeldern Vietnams als die Bilder von vier erschossenen Studenten der Kent State University, die Neil Young im «Time Magazine» zu sehen bekam. Am 4. Mai 1970 hatten Nationalgardisten aus Ohio das Feuer auf einen Zug friedlicher Anti-Kriegs-Demonstranten eröffnet. Vier Studenten blieben tot zurück, neun andere wurden schwer verletzt. Der Krieg war nach Amerika gekommen – und Neil Young brauchte mit seinen Kollegen Crosby, Stills und Nash nur wenige Stunden, um eine bittere Abrechnung mit Präsident Nixon aufzunehmen: «Gotta get down to it / Soldiers are cutting us down / Should have been done long ago. What if you knew her and found her dead on the ground? / How can you run when you know?» Auch wenn viele Radiostationen sich weigerten, den Angriff auf die Nixon-Regierung zu spielen, erreichte «Ohio» doch Platz 14 der Billboard-Charts.


Zensur – ein Schicksal, das «Ohio» mit vielen Anti-Vietnam-Songs teilt. So wagte kaum ein Sender, Phil Ochs' Anti-Vietnam-Song «The Draft Dodger Rag» zu spielen oder Country Joe & The Fishs «I-Feel-Like-I'm-Fixin-To-Die-Rag». Rechte Organisationen wie die John Birch Society forderten gar Konzertverbote für «subversive» Musiker. Der amerikanische Mainstream reagierte gereizt: Gesungene Aufforderungen, sich der Wehrpflicht zu entziehen, sollten nicht noch mehr amerikanische Jugendliche mit jenem Virus infizieren, das laut Vizepräsident Spiro Agnew von einem «Zoo von Brandstiftern, Panthern, Hippies und Yippies» verbreitet wurde und «das Land zu zerreissen» drohte. Trotzdem entwickelte sich «The Draft Dodger Rag» zu einem vielgesungenen Untergrund-Hit – ähnlich wie Bob Dylans «Masters Of War» oder «Saigon Bride» von Joan Baez: Songs, die den tiefen Graben zwischen liberalen Studenten und dem Establishment illustrierten.
«Next Stop Is Vietnam» ruft noch einmal in Erinnerung, welchen symbolischen Stellenwert der Vietnamkrieg im Kampf um die Selbstdefinition der USA hatte: Waren die Kriegsbefürworter oder die Gegner die besseren Patrioten? Welche Aufgabe hatte Amerika in der Welt zu erfüllen? Und welche Opfer rechtfertigte ein Konflikt, den Muhammad Ali mit der spitzen Bemerkung «No Vietcong ever called me nigger» zum Rassismus vor der eigenen Haustür in Bezug setzte? So fanden sich in der Koalition der Kriegsgegner neben den studentischen Liedermachern und Hippies, den Underground-Rockern auch viele Soulsänger: Edwin Starr etwa mit seiner Anti-Kriegs-Hymne «War», Freda Payne, die «Bring The Boys Home» forderte, oder auch Marvin Gaye, der von den Berichten seines in Vietnam kämpfenden Bruders Frankie zu einem seiner stärksten Werke inspiriert wurde: «What's Going On».

Hier gibt es aber auch Grund zur Kritik: Der Beitrag schwarzer Musik und Kultur zur Verbindung von Protest und Pop bleibt in dieser Anthologie ziemlich unterbelichtet – es fehlen die dezidierten Vietnambotschaften vieler Gospel-Formationen ebenso wie Anti-Kriegs-Lyrics von Hip-Hop-Stars wie Chuck D.
Eine thematische Gliederung ordnet die Songs nach Kriterien wie «Proud To Serve» oder «Hell No – We Won't Go». So wird noch deutlicher: Der Vietnamkrieg polarisierte Amerika, brach die Grenzen zwischen den Künstlern und ihrem Publikum ein und trieb selbst manchen Amateur mit drastischen Texten ins Aufnahmestudio: «And if you burn your draftcard» – erklärte beispielsweise der Werbeagent Victor Lundberg aus Grand Rapids, Michigan – «then burn your birth certificate at the same. From that moment on – I have no son» – wer den Wehrdienst verweigere, der habe auch als Sohn ausgedient: Das war die Botschaft von Lundbergs 1967 auf Liberty veröffentlichter Single «An Open Letter To My Teenage Son». Offensichtlich sympathisierten viele Amerikaner mit dieser Art Patriotismus. Bis auf Platz zehn der Billboard-Charts drang diese Spoken-Word-Nummer vor. Lundberg durfte sie auch auf der TV-Bühne der «Ed Sullivan Show» vortragen und wurde für einen Grammy nominiert. Sein Erfolg provozierte wiederum ein gutes Dutzend Antwort-Songs: Etwa «A Letter To Dad» von Every Father's Teenage Son. Oder auch Dick Clarks «Open Letter To The Older Generation». Der Briefverkehr zwischen den Generationen mag die Fronten nicht versöhnt haben. Aber er erfasste am Ende selbst Protest-unverdächtige Pop-Stars: Wer hätte schon den Beach Boys zugetraut, auf ihrem Album «Surf's Up» an die vier an der Kent State University von Nationalgardisten erschossenen Anti-Vietnam-Demonstranten zu erinnern?


Verbrecher und Helden
Und noch etwas offenbart diese Box: Die Pop-Kultur hat seit dem Kriegsende 1973 ihren Blick auf die Vietnamveteranen revidiert. Wurden sie in den sechziger Jahren oft als Verbrecher gebrandmarkt, verwandelten sie sich spätestens in den achtziger Jahren in romantische Helden und tragische Verlierer. Dazu haben wohl zahlreiche Hollywood-Produktionen wie Oliver Stones «Platoon» beigetragen – aber auch die Songs von Vietnam-Vets (auf den letzten drei CD der Box vereint), die ihre persönlichen Erfahrungen musikalisch verarbeiteten und moralischen Beistand von Musikern wie Steve Earle, Billy Joel, Bruce Springsteen oder R. E. M. erhielten. Manchmal gibt Vietnam nur noch die Fussnote ab für einen neuen Krieg – wie in «Nowhere To Run», einem Song, den der Country-Sänger Hank Williams Jr. an die Adresse von Saddam Hussein richtete.
V. A.: Next Stop Is Vietnam (Bear Family).

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