Presse - Next Stop Is Vietnam - Süddeutsche Zeitung Magazin

Bomben und Gitarren

Eine eindrucksvolle CD-Box erforscht das musikalische Vermächtnis des Vietnam-Kriegs.

Von Johannes Waechter

Bear Family Records wird dieser Tage 35 Jahre alt, und das Jubiläum scheint die kleine Plattenfirma aus Hambergen bei Bremen beflügelt zu haben. Vor einigen Wochen ist dort eine neue Box erschienen, die auch im an Höhepunkten reichen Bear-Family-Katalog heraussticht: …Next Stop Is Vietnam. The War On Record: 1961-2008, ein Dreizehn-CD-Monstrum, auf dem untersucht wird, wie sich der Vietnam-Krieg in der Popmusik niedergeschlagen hat.

Anlässlich des Jubiläums habe ich im Bear-Family-Gesamtkatalog geblättert und mir vor allem die vielen dicken Boxen angeschaut, die das Label herausgebracht hat. Anfangs ging es dabei meist um das Gesamtwerk eines Künstlers oder den kompletten Output eines Labels, in den letzten Jahren sind jedoch auch einige thematisch gegliederte Boxen erschienen, auf denen Songs versammelt wurden, die einen ähnlichen gesellschaftlichen Bezugspunkt haben. Hier wäre zum Beispiel die Box Atomic Platters zu nennen.

Diese verlegerische Strategie finde ich positiv, weil daran erkennbar ist, dass die Popmusik als gesellschaftliche Kraft ernst genommen wird. Viel ist schon über die Funktion der Popmusik geschrieben und gestritten worden, über ihr Distinktionspotenzial, ihre Rolle bei der Bildung von Gemeinschaften und über die Frage, ob sie tatsächlich aufstachelt oder nicht doch eher einlullt. Unbestritten ist jedoch, dass der Pop die Wirklichkeit auf vielfältige Weise reflektiert und dass man etliche gesellschaftliche Entwicklungen besser versteht, wenn man zur Kenntnis nimmt, was Musiker daraus gemacht haben.

Der Vietnam-Krieg ist in dieser Hinsicht besonders ergiebig, denn kaum ein politisches Ereignis der letzten Jahrzehnte dürfte umfangreicheren Niederschlag im Pop gefunden haben. Über 4000 Songs finden sich in der “Vietnam Discography”, auf der die vorliegende Box beruht, und einige der bekanntesten Stars haben sich zum Konflikt geäußert: Bob Dylan, John Lennon, Marvin Gaye, Neil Young, die Beach Boys, die Doors, R.E.M, Bruce Springsteen.


Interessant ist nun aber, dass die Box nicht nur die zu erwartenden Protestssongs enthält, sondern auch etliche patriotische Hymnen, die den sinnlosen Krieg verteidigen. Im Nachhinein ist klar, dass es sich beim Vietnamkrieg um einen verbrecherischen und geostrategisch völlig sinnlosen Waffengang handelte, damals gab es jedoch viele Menschen, die die Regierungspropaganda glaubten, in Vietnam werde die Freiheit Amerikas verteidigt. So lässt sich anhand der über 330 Songs relativ präzise nachvollziehen, wie das Thema Vietnam nach und nach von der amerikanischen Öffentlichkeit Besitz ergriff und diese schließlich spaltete.

Mit besonderem Gewinn – und einer gewissen morbiden Faszination – habe ich die CDs 2 und 5 gehört, auf denen der Krieg gerechtfertigt wird. Die Songs auf CD 2 stammen aus den Jahren 1964 bis 1966, als eine breite Öffentlichkeit den Krieg noch unterstützte oder zumindest tolerierte. Ein Indiz dafür war schon damals die Popularität der “Ballad Of The Green Berets” von Staff Sergeant Barry Sadler, die im Frühjahr 1966 fünf Wochen auf Platz Eins der US-Charts stand. Diese Nummer ist natürlich auch hier enthalten, zusammen mit ähnlich gestrickten – und ähnlich gruseligen – Songs wie “The ‘A’ Team”, “Gallant Men” und “Fightin’ For The U.S.A”. Fast schon satirisch wirkt die Nummer, mit der Countrystar Ernest Tubb in die Diskussion eingriff: “It’s For God, And Country, And You Mom (The Ballad Of Viet Nam)”.


Ein paar Jahre später wurde die Diskussion sehr viel hitziger geführt. Die Kriegsgegner wurden als langhaarige Drückeberger diffamiert, die in Amerika nichts zu suchen hätten. Es ist ein Indiz für die wundersame Kraft des Pop, dass selbst aus dieser unguten Geisteshaltung tolle Lieder wie “The Fightin’ Side Of Me” und “Okie From Muskogee” von Merle Haggard entstanden. Doch als der Krieg weiterging und die Opferzahlen stiegen, verstummten die Scharfmacher. Ab Anfang der Siebziger geht es in den Vietnam-Songs hauptsächlich um das Schicksal des einzelnen Soldaten -- im asiatischen Dschungel und nach der Rückkehr in die Heimat.

Über 500000 US-Soldaten waren in Vietnam stationiert, etliche kamen als traumatisierte Veteranen nach Hause zurück. Ein Verdienst der Box besteht darin, diesen Veteranen Gehör zu verschaffen. Drei CDs sind Songs von Soldaten gewidmet, die während des Kriegs oder danach aufgenommen worden. Auch hier überwiegt anfangs die patriotische Begeisterung und die Freude über die “Saigon Girls”, später setzt Ernüchterung ein und die Veteranen protestieren dagegen, von der Armee im Stich gelassen zu werden. Mit “It Ain’t Over ‘Till It’s Over, Over Here” hat der Countrysänger Chuck Price diesem Anliegen Ausdruck verliehen.

Musikalisch ist die Box sehr vielfältig: Country, Folk, R&B, Soul, Blues, Psychedelischer Rock, Indie-Rock – alles dabei, selbst der Dancepop von Paul Hardcastles Hit “19″. Da schließt sich zwangsläufig die Frage an, ob es überhaupt Spaß macht, die CDs anzuhören. Ich würde sagen: Ein gewisses Interesse am Thema braucht man schon, denn auf …Next Stop Is Vietnam sind logischerweise viele Songs enthalten, die zwar den Krieg thematisieren, aber keine musikalischen Meisterwerke sind; vor allem bei den Aufnahmen der Soldaten hat man es oft mit musikalischem Schwarzbrot zu tun. Dennoch ist die Box ein Meilenstein: Zum einen, weil wohl noch nie derart eingehend nach den Wechselwirkungen zwischen Popmusik und einem bestimmten politischem Ereignis geforscht wurde; zum anderen, weil diese Box in einer Zeit, in der der Pop nur noch wenig zum Zeitgeschehen zu sagen hat, an das Potenzial dieser Musik erinnert.

Schade nur, dass mein persönlicher Lieblings-Vietnam-Song nicht dabei ist: “God Bless America (For What)” von Swamp Dogg. Wie konnte das passieren? Hier deshalb die extra-lange und extra-krasse Live-Version:

 

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