Presse - Next Stop Is Vietnam - Tagesanzeiger CH

Die US-Soldaten nahmen neben Platten und Tapes auch Instrumente nach Vietnam mit. Foto: PD
Der schlechteste Trip aller Zeiten
Die eingebetteten Gitarren im Dschungel von Vietnam. Eine Box mit 13 CDs versammelt Songs über den ersten Krieg, in dem auch die Popkultur kämpfte.


Von Christoph Fellmann

Es ist mitten in der Nacht, als sich die Ma-rines in Bagdad auf ihren Einsatz vorbe-reiten. Bevor sie aber hinausgehen, um das Terroristennest auszuheben, ma-chen sie sich Mut und schreien: «Rock and Roll!» In dieser kurzen Szene hat Mi-chael Moore in «Fahrenheit 9/11» gezeigt: Die Rockmusik ist als Stimulans und Waffe im Krieg angekommen. Gitarren töten nicht nur Faschisten, wie Woody Guthrie es auf sein Instrument geschrie-ben hatte. Sie töten auch irakische Zivi-listen und, wie man heute weiss, sie fol-tern Gefangene in Guantänamo. Wohl auch aus diesem Grund gab es während der jüngsten Kriege der USA kein ähnliches Statement wie den Auf-tritt von Jimi Hendrix in Woodstock. Am 18. August 1969 zerfledderte er dort mit seiner Stromgitarre den «Star Spangled Banner», um dem Skandal, dass seine Generation in Vietnam in einem chaoti-schen Krieg kämpfte, wenigstens eine skandalöse und chaotische Version der Nationalhymne entgegenzusetzen. Rock war der klirrende Soundtrack der Kriegs-gegner, und man glaubte, dass diese Mu-sik die Welt friedlicher machen könnte.


Von Huren und Helikoptern Vietnam war nicht nur der erste Krieg, der im Fernsehen gezeigt wurde, er war auch der erste, der zu einem Soundtrack aus Rock- und Soulsongs gekämpft wurde. Die US-Soldaten trugen Platten und Tapes nach Übersee, auch Gitarren und Radios. Aber nicht nur das, wie die Herausgeber von «Next Stop Is Vietnam» schreiben, einer Box, die auf 13 CDs rund 300 Songs über den Vietnamkrieg ver-sammelt. Auch die Kommunisten spiel-ten auf Radio Hanoi amerikanische Songs, um beim Gegner nebst dem Heim-weh defätistische Gedanken zu nähren. Die Box ist ein beeindruckendes Pro-jekt. Aus über 4000 Songs, die online in der «Vietnam Discography» gesammelt sind, wurde eine facettenreiche Aus-wahl getroffen: Man hört den «Infiltra-tion Blues», der von der Landnahme der Amerikaner zu einer Zeit erzählt, als man offiziell nur mit «militärischen Be-ratern» in Vietnam war, und man hört
Kindergesang, der 1963 noch ganz naiv fragt: «Mister, where is Vietnam? / Is it far away? / I want to see my daddy / Will you take me there today?» Es gibt Songs über Heldentaten und das Verrecken, über das Mädchen zu Hause und die Huren von Saigon, über Helikopter und Napalm. Und es gibt Songs über die Heimkehr, sei es im Sarg oder als körperliches und seelisches Wrack. Neben Stars wie Bob Dylan, John Lennon oder Steve Earle hört man auch Kriegsveteranen, wie sie bis heute ihren Einsatz und ihr Überleben verarbeiten.

Die Sammlung widmet sich aber auch dem Kampf an der Heimatfront. Dabei erweist sich die Country-Musik als die einzige Szene, die sowohl die patrioti-sche Hymne als auch den Protestsong pflegte. Im vermeintlich rückständigen Genre wurde schon in den 60er-Jahren ein Deutungskampf über die Begriffe von Freiheit und Patriotismus ausgetra-gen, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem Ein-marsch der USA in Afghanistan die öf-fentliche Debatte prägen sollte. So schaffte es 1967 ein gewisser Victor Lindberg mit seinem «Open Letter to My Teenage Son» auf Platz 10 der US-Hitpa-rade: «Wenn du deinen Marschbefehl ver-brennst», singt er, «dann verbrenn auch gleich deine Geburtsurkunde.» Nur auf Platz 93 kam der Antwortsong «Letter to Dad» von Every Father's Teenage Son, in dem es heisst, wahrer Patriotismus sei gewaltfrei. Leider ist das Niveau der Argumente höher als das der Musik. Hier wie da hört man denselben dumpf-pa-thetischen Duktus, einmal vor seifigem Streichorchesterchen, einmal vor vager Folkgitarre. Und hier wie da wird der Krieg zur Schnulze verharmlost.

Diverse Next Stop is Vietnam, Bear Family.13 CDs.
Schwer vorstellbar, dass sich ein Sol-dat in Vietnam diese Songs angehört hätte, ohne lachen zu müssen. Das ist das Problem dieser Box, die ein tolles historisches Dokument ist, aber keine Sammlung guter Musik (und das nicht nur, weil wichtige Aufnahmen von Jimi Hendrix, von CCR oder den Animals aus lizenzrechtlichen Gründen fehlen). Als in Vietnam stationierte Soldaten gefragt wurden, worum es in «Eve of Destruc-tion» von Barry McGuire gehe, einer der Haupthymnen der Kriegsgegner, sagte einer: «Keine Ahnung; ich weiss nur, dass man dazu nicht tanzen kann.»
Umgedeutete Songs Die Herausgeber weisen selber darauf hin, dass der Soundtrack zum Vietnam-krieg ein anderer war als der, den sie präsentieren. Denn die wichtigsten Songs über Vietnam waren gar keine: Erst die Erfahrung des Kriegs machte «We Gotta Get Out of this Place» von den Animals zum beliebtesten Song in der US-Armee. Auch «(Sittin' On) the Dock of the Bay» von Otis Redding handelt nicht vom Krieg. Und doch fasste dieser Song das Heimweh der Truppen perfekt in eine wehmütige Melodie. Genauso nahmen unter den Bedin-gungen von Vietnam auch Hits von Jimi Hendrix («Purple Haze»), Johnny Cash («Ring of Fire») oder den Beach Boys neue Bedeutungen an: Deren «Sloop John B», eine alte Seefahrerballade, war auch im Dschungel sehr überzeugend: «Why don't they let me go home / This is the worst trip I've ever been on.» Man kann hier lernen, wie ein Song populär wird - wenn er nämlich durchlässig ist für verschiedenste Bedeutungen. Und so war die Wirkung von Rock in Vietnam zwiespältig: Die gleichen Songs (und Drogen), die an der Heimatfront den Protest der Kriegsgegner berausch-ten, zehrten in Übersee an der Motiva-tion der Soldaten - am einen Tag. Am nächsten putschten sie zum Kampf auf. Tanzbare Musik, die gleichzeitig das Chaos des Kriegs vertonte, war an der Front also ein doppeltes Bedürfnis. Kein Wunder, kümmerten sich bald auch die Profis darum. So in der Hitfabrik von
Motown, die ab 1970 mit «Ball of Confu-sion» von den Temptations oder «What's Going On» von Marvin Gaye dringliche Statements in die Hitparaden brachte. So glaubwürdig sie sind (Gayes Bruder diente in Vietnam): Sie zeigen, dass Anti-kriegslieder für den Kommerz bald inte-ressanter waren als für die Zensur. Ökonomisch gesprochen, hat Vietnam die Nachfrage nach Protestmusik eta-bliert. Das heisst aber auch, dass politi-sche Statements der Stars ab sofort im Ruch eines kommerziellen Hintergedan-kens standen. So argwöhnte der britische «New Musical Express», als nach 9/11 die Gedenkkonzerte einsetzten: «Die Super-stars und Millionäre werden dank ihren Benefiz-Aktivitäten ihre Karrieren für die nächsten fünf Jahre retabliert haben.» Die Musikindustrie reagierte jedenfalls schnell. Sie organisierte Tribut-Alben und liess die Künstler ohne Murren ihre Antikriegssongs veröffentlichen. Protest fair jeden Geschmack Der Schmus von R.E.M., das Gerumpel von Tom Waits oder der Funpunk von Green Day: Alles erwies sich als kompa-tibel mit dem «Protest für jeden Ge-schmack», wie ihn Dietrich Helms und Thomas Phleps in «9/11- The World's all out of Tune» nennen. Das Buch unter• suchte die Folgen der Terroranschläge auf den Popmarkt und kam zum Schluss, dass es keine gab: «Weder reagierte die Musikwelt verstimmt, noch drehte siel nicht mehr alles um den Verkauf.» So protestierten in den jüngsten Krie• gen der USA vor allem ältere Musiker. Die jungen, boomenden Rock- und Folk szenen in New York blieben stumm. Hat-ten sie begriffen, dass Rock 'n' Roll, wie Michael Moore zeigte, längst eingebettet war im «Krieg gegen den Terror»? Ja wenn man die Songzeile hört, die Adan Green, der lustige New Yorker Folkie über diesen Krieg sang. Sie sagt alle: über die Verwirrung, Enttäuschung unc Traurigkeit, die einen damals ob de: Weltlage ergreifen konnte. Und ob de: Popmusik, die daran nichts änderte, ob wohl sie das 30 Jahre früher verspro chen hatte. Green sang: «I wanna die be cause the government lied.»

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