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Presse - Woody Guthrie - The Tribute Concerts - Folker

PLATTENPROJEKTE
Es gibt im Musikbereich immer wieder Veröffentlichungen, die den Rahmen herkömmlicher Produktionen inhaltlich wie vom Umfang her sprengen und deshalb einer ausführlicheren Betrachtung bedürfen, als dies in Form einer üblichen Rezension geleistet werden kann. Die Fo/ker-„Plattenprojekte" widmen sich in loser Folge solchen außergewöhnlichen Serien, Boxen, Sammlungen, Sondereditionen bis hin zu vergleichbaren Unternehmungen wie etwa Internetprojekten, die auf physische Tonträger inzwischen zunehmend verzichten.
In diesem Heft schreibt ULRICH JOOSTEN über die Box Woody Guthrie - The Tribute Concerts


Es gibt in der Geschichte der populären Musik Konzertereignisse, die den Nimbus des Einma-ligen und Besonderen haben. Zwei davon finden ein Jahr vor und ein Jahr nach dem legendär-en Woodstock-Festival 1968 in der New Yorker Carnegie Hall und 1970 in der Hollywood Bowl in Los Angeles zu Ehren Woody Guthries statt. Knapp drei Monate nach dem Tod des multita-lentierten Liedermachers, Autors, Kolumnisten, Gewerkschafters, Cartoonisten und politischen Aktivisten ist am 20. Januar 1968 die Carne-gie Hall restlos ausverkauft. Organisiert hat die Veranstaltung Guthries Freund und Mana-ger Harold Leventhal. Die Einnahmen kom-men dem von Guthries zweiter Ehefrau Marjo-rie gegründeten Komitee zur Bekämpfung der Huntington-Krankheit zur Erforschung jenes tückischen, unheilbaren Nervenleidens zugute, das den Songwriter fast fünfzehn Jahre ins Hos-pital zwang.

Die Hommage sollte jedoch keine Trauerfeier sein, sondern Leben und Werk des Künstlers feiern, der heute als der wohl einfluss-reichste Songwriter der US-amerikanischen Popgeschichte gilt. Richard Weize, bis vor wenigen Jahren Bear-Family-Records-Chef, hat als eines seiner letzten Wunschprojekte vor der Pensionie-rung die Neuauflage dieser Konzerte auf den Weg gebracht. Er holt Nora Guthrie, Tochter des Liedermachers und langjährige Leiterin des Woody-Guthrie-Archivs, den vierfachen Grammy-Gewinner Steve Rosenthal als Toni-ngenieur sowie den damaligen Folker-Chefre-dakteur und Guthrie-Experten Michael Kleff als Produzenten der Box ins Boot. Als Nora Guthrie erstmals von der geplanten Neuver-öffentlichung hört, beginnen sich ihre Erin-nerungen „wie Puzzleteile zusammenzufügen. Mir fiel ein, dass es viele Songs gab, die auf der ersten Veröffentlichung ausgelassen wurden, weil man keine Dopplungen wollte", erzählt sie. Das Projekt wird zu einer intensiven vierjäh-rigen Forschungsreise, auf der sämtliche histo-rischen Aspekte berücksichtigt und dokumen-tiert werden, samt Biografien der mitwirkenden Künstler, die aufzeigen, wo diese damals in ihrer Karriere stehen.

Das Skript zu beiden Konzerten, das neben Guthries Liedern auch viele seiner Prosatexte enthält, schreibt der Film- und Fernsehau-tor Millard Limpell, ein alter Freund des Sin-ger/Songwriters aus der gemeinsamen Zeit bei den Almanac Singers. Als Sprecher agieren der damals ungemein populäre Schauspieler Robert Ryan sowie ein weiterer Weggefährte Guthries, der Schauspieler Will Geer, hierzulande besser bekannt als Großvater in der Fernsehserie Die Waltons. Harold Leventhals Aufruf leistet eine Topriege von Musikern Folge, darunter Odetta, Pete See-ger, Arlo Guthrie, Judy Collins, Richie Havens und Tom Paxton. Die Sensation aber ist der Auftritt Bob Dylans, der nach nahezu zweijäh-riger Abstinenz aufgrund eines Motorradun-falls zum ersten Mal wieder auf der Bühne steht. Im Schlepptau hat er die Musiker, mit denen er soeben die später legendären Basement Tapes eingespielt hat und die kurze Zeit darauf mit ihrem Debütalbum Music From Big Pink als The Band Rockmusikgeschichte schreiben. Nora Guthrie ist damals achtzehn Jahre alt und erinnert sich an den „ganz besonderen Moment, als Dylan auf die Bühne kam. Als Kin-der von Folksängern standen wir auch auf Rock 'n' Roll. Wenn bei uns im Wohnzimmer Hoo-tenannys stattfanden, waren wir Kinder oben in unseren Zimmern und hörten die Everly Bro-thers. Es gab für uns zwei musikalische Welten. Als Dylan mit der Band auf der Bühne erschien, kamen diesen beiden Welten plötzlich zusam-men. Bis zu diesem Moment war es ein altmo-disches Folkkonzert gewesen. Danach war alles anders. Ich bin keine Musikologin, aber für mich persönlich war das damals die Geburts-stunde des Folkrock und der Singer/Songwri-ter-Bewegung." Als das Konzert auf vielfachen Wunsch zwei-einhalb Jahre später, am 12. September 1970, mit geänderter Besetzung in Los Angeles wie-derholt wird, hat sich vieles in der amerika-nischen Gesellschaftskultur geändert. „Darum", sagt Nora Guthrie, »haben wir Sean Wilentz gebeten, einen Essay für die Dokumentation zu schreiben." Der Historiker, Geschichtsprofes-sor und Dylan-Experte stellt in seinem Beitrag die Konzerte in den soziokulturellen Kontext. „Sie fanden", so Nora Guthrie, „vor dem Hin-tergrund einer sich dramatisch zu einem ande-ren, alternativen Lebensstil wandelnden Gesell-schaftskultur statt, vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs, der Rassenunruhen, der Morde an John F. Kennedy und Martin Luther King."

Sind Rockmusikeinflüsse im Carne-gie-Hall-Konzert noch die Ausnahme, so geht es in der Hollywood Bowl musikalisch deutlich handfester zu. Dylan ist diesmal nicht dabei, doch Arlo Guthrie, erneut Richie Havens, Country Joe McDonald, Joan Baez, amblin' Jack Elliott und sogar Pete Seeger kling dank der Begleitband Swampwater deutlich rockiger, als es in der Carnegie Hall der Fall war. Als Ansager fungiert diesmal neben Will Geer der durch seine Rolle in Easy Rider gerade sehr angesagte Peter Fonda. Ein wahrhaft elektrisie-rendes Konzert vor 18.000 Zuschauern. Zum fünfzigsten Todestag Woody Guthries am 3. Oktober ist nun eine in jeder Hinsicht for-midable Deluxe-Box erschienen, die auf drei CDs sämtliche verfügbaren Aufnahmen der Konzerte erstmals in ihrer Originalabfolge und in exzellenter Tonqualität enthält sowie eine Reihe von Zeitzeugeninterviews im Originalton als Bonus. Es ist frappierend, wie zeitlos und gar brandaktuell Lieder wie „I Ain't Got No Home", »Vigilante Man" und vor allem „Deportees" heute sind. Hinzu kommt ein 160-seitiges, reich bebildertes Buch, das Abhandlungen von Will Kaufman, Wenzel und Sean Wilentz, umfang-reiche Disko- und Bibliografien und weiteres Material enthält. Ein besonderes Zeitdokument ist der zweite Band, der eine 88-seitige Repro-duktion der damaligen Begleitbroschüre ent-hält, mit Noten, Texten und historischen Foto-grafien. Die Box ist in jeglicher Hinsicht ein Meilenstein, eine musikjournalistische Meister-leistung. •

WOODY GUTHRIE THE TRIBUTE CONCERTS
DIVERSE Woody Guthrie — The Tribute Concerts (Bear Family Productions BCD17329, ISBN 978-3-89916-900-3, bear-family.de) 3 CDs, 100 Tracks, 218:22, mit zwei geb. Büchern
FOLKER 6.17 St

 
 

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