Wer war/ist Christof Stählin ? - CDs, Vinyl LPs, DVD und mehr

Christof Stählin

"Das Selbstverständliche in Zweifel ziehen" (Selbstbeschreibung)

Ein Liedermacher wollte Christof Stählin seinerzeit nicht sein. "Das Wort hat keinen Stolz mehr, es steht für eine Art modischen Irrtum", schrieb er 1978 in einem Buchbeitrag. "Ein Lied kann man nicht so einfach machen, und was man einfach machen kann, ist kein Lied." Daher bezeichne er sich lieber als Sänger "und lasse mir nicht gefallen, mit einem schlampigen Wort einer modischen Bewegung zugeordnet zu werden, weil ich auch noch in zwanzig Jahren singen möchte." Nun, die sind seitdem vergangen und der 'Sänger' und Vihuelavirtuose – ein spanisches Renaissance-Instrument, das als Vorläufer der Gitarre gilt – hat seinen Frieden mit dem Wort gemacht. Er findet es zwar immer noch 'problematisch', aber, wie er in seinem Vortrag 'Liedermachen als Kunst' sagte, den er im Januar 2006 auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing hielt: "Erstens ist es nun einmal in den Blutkreislauf unserer Sprache eingegangen und zweitens hat es keinen Sinn, sich von etwas sprachlich zu distanzieren, was vielmehr Zusammenhalt braucht, um sich wieder mehr Platz und Geltung zu verschaffen."

Als der 1942 geborene Christof Stählin seine ersten Auftritte hatte, war das deutschsprachige Lied gerade dabei, sich 'Platz und Geltung' zu verschaffen. Seit 1960 trat er in dem Duo Christof Stählin und Michael Wachsmann auf, nicht zu verwechseln mit Christopher und Michael. Die beiden spielten englische Lautenstücke, deutsche Renaissance- und Barocklieder sowie moderne deutsche und französische Chansons. Mit diesem Programm waren sie 1965 auch auf die Waldeck eingeladen und kehrten bis 1968 jedes Jahr zurück. Im Unterschied zu Waldeckern wie Degenhardt, Süverkrüp oder Mossmann hatten seine Texte einen sehr persönlichen Tonfall. "Den Liedern Stählins fehlt der didaktische, der agitatorische Impuls", schrieb Thomas Rothschild in seinem Buch 'Liedermacher'. "Sie sind introvertierter als die der eigentlichen Polit-Sänger, weniger auf unmittelbare Kommunikation angelegt." Dennoch verzichtete der in Tübingen lebende Künstler keineswegs auf Kritik an Zeiterscheinungen. Den Ansatz für seine Titel beschrieb er 1976 so: "Ich möchte mein Publikum auf möglichst wenig laute, dafür aber eindringliche Art unterhalten. Den Stoff für die Stücke suche ich aus den Zwischenbereichen des Lebens zu ziehen, aus den Ritzen: Tagtraum, Schatten, Schaum, kleine Handbewegungen. Meine Aufmerksamkeit bewegt sich dort, wo das Privateste allen gemein ist, wo das Triviale ins Geheimnisvolle umschlägt. Gesellschaft suche ich dort, wo sie sich in jedem Einzelnen abspielt, Politik da, wo sie eine gemeinsame Wurzel mit vermeintlich unpolitischen Lebensbereichen hat. Karl Valentin ist mein Vorbild darin, das Selbstverständliche in Zweifel zu ziehen, denn das Selbstverständliche ist die empfindlichste Seite jeder Gesellschaft. Ich möchte, daß mein Zuhörer fühlt, wie dicht bei ihm die Grenze zum Unerforschten liegt, ja, daß sie durch ihn selbst hindurch geht. Es geht darum, einige Dinge umzustoßen, die bei uns so sehr feststehen: daß Phantasie nicht präzise, daß Traum nicht konkret, daß Denken nicht sinnlich sei, daß Poesie und eine kritische Sicht der Welt nicht zusammengehören."

Auf Platte konnte sich das Publikum von diesen Qualitäten Stählins 1967 überzeugen, als seine Degenhardt-Parodie Makaber macht lustig Titelsong des Samplers wurde, der mit Titeln u. a. von Schobert & Black, Reinhard Mey, Hannes Wader, Walter Hedemann und Walter Mossmann einen akustischen Überblick über die junge deutsche Liedermacherszene gab. Stählin war übrigens gleich mit zwei Stücken darauf vertreten. 1973 aufgenommen, erschien 1974 bei Intercord Stählins erste LP mit eigenen Texten, 'Privatlieder', darunter das hier vertretene Sauregurkenzeit. Darin übte er eine frühe Liedermacherkritik an der Studentenbewegung. Er kritisierte aber auch die Vermarktung seiner Lieder. Auf der Hülle der 'Privatlieder' schrieb er: "Der kommerzielle Musikmarkt hat so seine Gesetze und sein Vokabular. Sympathisch ist das alles nicht, aber ich habe mich da auch nirgends hineingedrängt." Konsequenterweise gründete er Mitte der siebziger Jahre seinen eigenen Verlag – Nomen+Omen. Dort veröffentlichte er dann auch seine zweite LP 'Lieder für andere'. Ihr ist das Lied Verstopft entnommen, in dem sich Christof Stählin wortgewaltig und mit viel Ironie gegen jegliche Vereinnahmung wehrt. Die bisher letzte CD des Musikers erschien Ende 2006: 'Stiller Mann – 14 Lieder'.

Seit vielen Jahren ist Christof Stählin in der Nachwuchsförderung engagiert. So gründete er 1989 seine eigene Schule für Poesie und Musik – SAGO. Sie war bis 2006 in Friedberg/Bayern zu Hause und ist seit Herbst dieses Jahres unter der Obhut des Mainzer Kultursommers in der Villa Musica Mainz untergebracht. Stählin möchte junge Liedermacher auf die Spur des 'Sentipensando' setzen, was so viel bedeutet wie 'Fühldenken'. Für Stählin ist das eine Art, "sich den guten Dingen anzunähern, die weniger mit logischem Kettenschlüssen zu tun hat, mit denen der Diskurs arbeitet, als mit einem Instinkt, der gute Sachen aufspürt."

www.christof-staehlin.de


Auszug aus
Various - Liedermacher in Deutschland
Vol.1, Für wen wir singen (3-CD)
/various-liedermacher-in-deutschland-vol.1-fuer-wen-wir-singen-3-cd.html

Weitere Informationen zu Christof Stählin auf de.Wikipedia.org

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