Beat in Deutschland, die 60er Jahre - Die Ruhrgebeat Szene - Teil 2

Beat in Deutschland, die 60er Jahre - Die Ruhrgebeat Szene - BCD 16474 AR
von Hans-Jürgen Klitsch

Teil 2

THE GERMAN BLUE FLAMES

Die Band (Heinrich 'Heiner' Landwehr, Bass, Hans Lissek, Schlagzeug, Hartmut 'Kuli' Kulka, Sologitarre, Ulrich 'Ulli' Feldhege, Gitarre, Klaus Grochowski, Gitarre) aus Gelsenkirchen war die bekannteste Gruppe aus dem Ruhrgebiet; zahlreiche Plattenveröffentlichungen sowie Auftritte bei diversen Beatfestivals, in der Beat-Club-Sendung vom 30. Oktober 1965 und im Südwestfunk usw., sind eindrucksvolle Zeugnisse. Die einzige LP der Band und ihre Singles sind bereits als CD erschienen (BCD 16455). In dem reich bebilderten Booklet, das der CD beiliegt, sind die Geschichte und viele Erlebnisse der Band detailliert dokumentiert. Deshalb wird an dieser Stelle auf eine Gruppen-Story verzichtet. Die vorliegenden Aufnahmen sind jedoch so gut und eindrucksvoll, daß wir im Rahmen einer Ruhrgebiets-Beat-Zusammenstellung nicht auf sie verzichten können/wollen. Sie entstanden 1966 ohne Ulrich Feldhege, der die Band bereits verlassen hatte. Erst wurden die Instrumentalspuren aufgenommen, dann der Gesang synchronisiert - insgesamt 12 Stücke in acht Stunden.

DIE 4 MUSKETIERE

Dies war Gelsenkirchens zweite Kraft, aber bevor sie die Degen an den Nagel hingen, hatten sie sich auf Celluloid verewigen lassen. Fassen wir kurz zusammen: 1963 taten sich Wolfgang 'Archie' Groth, Schlagzeug, Albert Hüllinghoff, Rhythmusgitarre, Manfred Linne, Sologitarre, und Karlheinz Wagner, Bass, zusammen. Bis 1967 blieben sie in unveränderter Besetzung beieinander. Sie tendierten zum vierstimmigen Gesang, und den Leadgesang teilten sie brüderlich untereinander auf. Nachdem sie 1967 durch die Bundeswehr geschieden worden waren, kamen sie 1969 zu dritt noch einmal zusammen, aber das war nur ein kurzes Aufflackern.

Zuerst hießen sie Atlantics. Karlheinz Wagner: "Wir wollten kein 'The'." Alsdann wurden sie von den kaum zehn Jahre älteren Manfred Buchholz, Dieter Pothöfer und (dem weniger involvierten) Armin Husemann, (gemeinsam Betreiber des Black & White in Bochum) entdeckt, und dieses Trio drängte auf einen zündenden Namen. Karlheinz Wagner: "Die 4 Musketiere habe ich mir ausgedacht." Und so kämpften sie auf den Brettern, die ihnen damals die Welt bedeuteten, um die Beatehren - in Stulpenstiefeln und Rüschenhemden, gemietet aus dem Theaterfundus des Bochumer Schauspielhauses. Ihre Manager hatten ihnen noch einheitliche, anthrazitfarbene Anzüge schneidern lassen, in diesen erledigten sie Reisen und Bühnenaufbau. So gewandet, reisten sie zwischen Bremen und Lüdenscheid, und so manchen höher dotierten Konkurrenten konnten sie bei gemeinsamen Auftritten in die Schranken verweisen. In der Bremer Stadthalle mußte das polizeiliche Rollkommando in Zivil und Uniform die Fans in die Schranken weisen - so heftig tobten diese zu den Musketieren, die gemeinsam mit The Kinks, The Mushroams, The Londoners und The Liverbirds gebucht waren.

Wie jede Band haben auch die 4 Musketiere ihre Anekdoten zu erzählen, z. B. wie bei einem Auftritt in Stade das Schlagzeugpodest zerbröselte und das Drumkit in hohem Bogen davon sauste. Das nichts ahnende Publikum hielt es für einen Teil der Show. Karlheinz Wagner: "Dabei war es gleich beim ersten Akkord von Help!"

In der PaderHalle zu Paderborn, die ihre Manager Manfred Buchholz und Dieter Pothöfer auf eigene Rechnung gebucht hatten, saßen sie am Garderobenfenster und schauten den ankommenden Besuchern zu. Sieben hatten sie gezählt, und so wurde bandintern der Auftritt auf später verschoben. Die paar Männekes können auch warten. Plötzlich stürmte Pothöfer in die Garderobe: "Wo bleibt ihr denn?!" Ach, lohnt doch nicht, ist ja kaum einer da. Da bat der Herr Manager die Musiker, doch mal einen Blick in den Saal zu wagen. Rappelvoll! 800 Leute! Die Herren Musketiere hatten aus dem falschen Fenster geguckt. Gebäuderückseite.

Anschließend wurde kräftig in die Felle und Saiten gehauen, die Lautstärkepegel der Anlage auf '11' gestellt. Karlheinz Wagner: "Meine Bassanlage hatte ich mir von Helmut Recketat bauen lassen, das war ein technisch begabter Tüftler." Ursprünglich hatte Recketat bei der Hegerova Band gespielt, dann jedoch den ruhigeren Job eines Musikalienhändlers vorgezogen. So hatte er in der Kurt-Schumacher-Straße, gegenüber dem Hauptbahnhof in Gelsenkirchen, ein Lädchen namens Helrec eröffnet, in dessen Werkstatt er u. a. Fender-Verstärker als No-Name-Produkte nachbaute.

In die Annalen gingen die 4 Musketiere durch einen Zufall ein. Wolfgang Groth: "Wir spielten in unserem Hausclub Black & White, und dort kam man nur mit Krawatte rein. Vor der Tür standen drei Ulmer Filmstudenten, die hatten aber keine Krawatte. Wir machten gerade Pause, und Manfred Linne hat sich vor der Tür mit denen unterhalten und ihnen anschließend Krawatten besorgt. Da kam noch am gleichen Abend die Idee zu einer ganz besonderen Diplomarbeit auf, das Zeugnis von vier wilden Musikern, die privat ganz brave Burschen waren." So wurde ein 45minütiger Film gedreht, produziert von Alexander Kluge, die Regie führte Lothar Spree: "Entweder man kommt ganz groß raus – Beat im Ruhrgebiet". Spree lichtete die Band auf der Bühne, in den häuslichen Gefilden, auf der Arbeit, mit und ohne Freundinnen ab, und er liefert auf diese Weise ganz nebenbei sympathische und typische Bilder aus dem Leben im Pott Mitte der 60er. Als der Film im WDR gesendet werden sollte, starb unverhofft der alte Adenauer. Also wurde derartig Unterhaltsames verschoben. Beim zweiten Anlauf kam ein Fußball-Europapokalspiel dazwischen. Der dritte Termin klappte dann. So sind sie heute unsterblich, falls Radio Bremen die Filmrolle nicht irgendwann entsorgt.


THE DAKOTAS


Um den zweiten Platz im Ruhrgebeat kämpften Frederic And The Rangers und The Dakotas, beide aus Recklinghausen, und nun, lange nach Spielschluß, muß man wohl ein Unentschieden konstatieren. Als Marcel 'Macke' Sadowski im Jahre 1963 Schlagzeug in einer Band zu spielen gedachte, sprach er seinen Kumpel Wolfgang 'Molto' Volkmer an, ob er nicht die Gitarre dazu spielen wollte. Ort: Recklinghausen-Suderwich. Wolfgang Volkmer wollte, aber er fand eine Zwei-Mann-Band nun doch ein wenig dürre, und so holte er Horst Bobe heran, der möge bitte die Rhythmusgitarre spielen. Zu dritt bewarb man sich um Erich Graeber als Bassisten, und schon war die Band komplett. Beatles-, Searchers- und bald auch Rolling-Stones-Lieder wurden geprobt. Es fehlte eigentlich nur noch ein Top-Frontmann, um den Gesang zu verbessern und die Band noch publikumswirksamer zu machen. Diesen fanden die Dakotas in Manfred 'Micky' Talarczyk, der gerade mal 14 war. Nun war der Beat der Band perfekt. Wolfgang Volkmer: "Das glaubten wir, bis wir die original englischen Bands sahen."

Bald hatten die Dakotas Konkurrenz im eigenen Stadtteil, denn was die fünf dort machten, fanden andere ebenso gut, besonders da es die Mädchen anzog wie der Honig die Bären. So rief es bald von den Plakaten: The Levis Boys! The Monsters! The Hurricans!

Aber noch folgten weitere Dakotas-Umbesetzungen; Macke Sadowski war zeitweise Schlagzeuger der Star-Club-Band: Die Bravos. Als er wieder in das Line-up der Dakotas rückte, brachte er den Sologitarristen Rainer 'Bottschek' Sadowski mit, der schon bei den legendären Nino And The Rockin’ Teens den Baß gespielt hatte. Wolfgang Volkmer: "Mit diesem wohl besten Gitarristen im Pott, der auch das Angebot hatte, bei der Indo-Band The Javalins einzusteigen, bekam die Band einen fetten, ja fast englischen Sound. Es war wohl die beste und erfolgreichste Besetzung der Dakotas. Wir haben u. a. Fernsehaufnahmen für 'Wir im Scheinwerfer' gemacht." Und am 10. März 1966 wurde ihnen die Ehre zuteil, auf der Hochzeitsfeier von Königin Beatrix der Niederlande und ihrem deutschen Gemahl Prinz Claus zu spielen.

Im Dezember 1966 verließen Manfred Talarczyk und Rainer 'Macke' Sadowski die Band, weil es Probleme mit dem Manager Manfred 'Manni' Kleihe gab, der auch Lucky And The Giants vertrat. Für Talarczyk wurde ein gleichwertiger Ersatz gefunden. Der Gladbecker Martin Blankenburg war stimmlich völlig auf R&B getrimmt, so daß sich folgerichtig ein Stilwechsel vollzog. Wolfgang Volkmer: "Für die Dakotas-Fans war das schwer nachzuvollziehen. Viele blieben der Band dennoch treu. Wir haben die Band auch weiter verstärkt, um diesem Ansatz Rechnung zu tragen. Wilhelm Michael kam als Organist und Helmut 'Emul' Richter als Saxophonist."

Jürgen Matuszewski (ex-Monsters) löste Sadowski als Sologitarrist ab, weil dieser Talarczyk zu Frederic And The Rangers folgte. Die neue Besetzung ging nach Köln ins Ariola-Studio, um die durch die Beatfestivalerfolge in Recklinghausen erworbenen Schallplattenaufnahmen zu machen. Die resultierende Single war stark - ein fetziges In The Midnight Hour, mit guter Orgel und fettem Saxophon. Die Eigenkomposition auf der Rückseite, Don’t Know The Reason, erreichte noch nicht ganz das Niveau der A-Seite, aber ist ein gutes Beispiel dafür, wie deutsche Bands 1966 ihre Songs anlegten.

Weitere Besetzungswechsel brachten die Band nicht aus dem Takt, für Marcel Sadowski kam Rainer 'Buddy' Butzke als Schlagzeuger - und als Martin Blankenburg schweren Herzens die Band verließ, weil seine Eltern nach Frankfurt zogen, kam mit Joseph 'Jupp' Funke von den Navajos aus Castrop-Rauxel ein noch besserer Sänger. Wolfgang Volkmer: "Der hatte wirklich eine Mordsröhre. Er war sicherlich mehr als ein Ersatz für seine beiden Vorgänger." Jupp drückte der Band seinen Stempel auf, und der hieß Soul. Der Name der Band wurde auf Jay And The Dakotas erweitert.

Mit Raimund Ekholt (ex-Ululators, prä-Rangers, prä-Casey Jones' Governors) holten sich die Dakotas einen Gitarristen, der auch Orgel spielen konnte, weil Wilhelm Michael die Band verließ. Bald bediente er nur noch die Tasten. Damit wurde der Sound der Band breiter und getragener. Wolfgang Volkmer: "Um noch funkiger zu werden, mußte ein Bläsersatz her: Jürgen Grenz und Dieter 'Jody' Müller. Helmut Richter war ja nicht lange bei uns. Da Marcel öfter in anderen Bands spielte, um seinen musikalischen Horizont zu erweitern, saß nun Herbert Peel am Schlagzeug, und er machte das wirklich klasse, denn es war nicht einfach, Macke zu ersetzen. Den Baß spielte jetzt Jürgen 'Matu' Matuszewski, und Manni Kleihe gab in seinem 190er Mercedes Gas und besorgte Gigs, wo immer er konnte."

Die wichtigste Dakotas-Besetzung aus dem Jahr 1968 war Joseph 'Jupp' Funke, Gesang, Dieter 'Jody' Müller, Saxophon, Erich Graeber, Bass, Marcel 'Macke' Sadowski, Schlagzeug, Jürgen Grenz, Saxophon, Raimund Eckholt, Orgel, Wolfgang 'Molto' Volkmer, Gitarre. Danach ging es personell kunterbunt zu.

1968 kündigte die Band für die Recklinghauser Jugendrevue ihre neue Single Dock Of The Bay b/w Get Ready an. Erschienen ist sie nicht mehr. Diese Single wurde im selben Londoner Studio eingespielt, in dem auch Manfred Mann aufnahm. Durch ihren Manager Klaus Bösenberg, der Kleihe abgelöst hatte, bekamen sie häufig Jobs als Vorband zu Manfred Mann, und so zahlte sich die Bekanntschaft aus.

Die letzte Dakotas-Besetzung war eine neunköpfige Band mit einem englischen Sänger namens Chris, doch nur kurz war ihr Dasein. Als der alte Musikerstamm in die Berufe ging, gab's noch kurz einen Ableger Dakotas 2000, doch den werden wir vernachlässigen. Wolfgang Volkmer: "Bei uns sind circa 100 Musiker durch die Band gegangen." Diese alle zu dokumentieren, würde den Rahmen sprengen.

Recht früh hatten die Dakotas am Erfolg schnuppern dürfen. Bereits am 2. Februar 1964 hatten sie sich beim 'Vestischen Gitarrenfestival' in der Recklinghausener Vestlandhalle (veranstaltet vom Stadtjugendamt unter der Leitung von Kurt Oster) achtbar geschlagen; und als sie dann am 20. und 21. Februar 1965 beim 2. Festival antraten, das nun ganz trendmäßig ein Beatfestival war, gewannen sie die Publikumsbewertung.

Wolfgang Volkmer: "Die Festivals waren das große Messen der Beatbands. Weil wir immer viel wollten, vielleicht mehr als alle anderen, haben wir fast täglich geprobt und uns auch gerade auf diese Festivals sehr gut vorbereitet. Unsere Stücke saßen in der Regel hervorragend." Nach dem 3. Platz beim Beatfestival am 18. Dezember 1966 in Recklinghausen, dort, wo die inoffizielle Ruhrgebietsmeisterschaft ausgespielt wurde, war die Enttäuschung groß. Die Dakotas wurden nur dritte - hinter Percy And The Gaolbirds (die aus Enger bei Bielefeld kamen) und Frederic And The Rangers, obwohl das Publikum die Band eindeutig auf Platz 1 gesetzt hatte. Wolfgang Volkmer : "Micky und Erich haben damals, glaube ich, sogar geweint. Aber wir hatten uns nicht an die Regeln gehalten, wir sollten ja eine Eigenkomposition machen, die haben wir aber nicht gespielt, und so wurde uns dies zum Verhängnis. Ich meine deshalb, daß die Bewertung richtig war." Das Publikum aber war sauer - und als die Sieger Percy And The Gaolbirds spielten, war die Halle fast leer; es half auch nicht, daß Bandleader Percy Oehme den Pokal symbolträchtig an 'Micky' Talarczik übergab. Der Veranstalter hat versucht, die Zuhörerschaft zu halten, indem er die Dakotas noch einmal auf die Bühne schicken wollte, aber die Band hatte sich schnell aus der Vestlandhalle verabschiedet und war nicht mehr aufzutreiben. Genugtuung für vorher erlittene Mißgunst gab es für die Dakotas bei der Beat-Show '68, bei dem nur eine Publikumsabstimmung ohne Jury stattfand, und sie belegten den ersten Platz.

Diskographische Angaben

1967
'Beat Of The Groups' LP: S*R International 92 382
In The Midnight Hour/Don't Know The Reason
'Beat Parade 1967/1' LP: Hansa 75755 ZT
In The Midnight Hour/Don't Know The Reason

Fortsetzung folgt....

 

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