Presse Archive - The Great Tragedy - Winter Dance Party 1959 - FIDELITY 42

Am 3. Februar 1959 stürzte das Flugzeug, mit dem der 22-jährige Rock'n'Roll-Hoff-nungsträger zu seinem nächsten Auftrittsort gebracht werden sollte, in einen See im US-Bundesstaat Iowa. Zahlreiche Festivals und andere Gedenkveranstaltungen in den USA erinnern heute an diesen Tag, an dem die Musik starb. 1971 hatte der Singer-Song-writer Don McLean dem Ereignis ein Denk-mal gesetzt mit seinem Lied „American Pie", darin besang er Buddy Hollys Todestag als „The day the music died". In den 1960ern hatten bereits mehrere andere Hitschreiber an die Tragödie erinnert. Der britische Popsänger Mike Berry nahm 1961 die Textzeilen „Snow was snowing / Wind was blowing / When the world said / Good-bye Buddy" auf. Sein Nachruf wurde ein Verkaufserfolg, obwohl — oder gerade weil —das BBC-Radio seinen „Tribute To Buddy Holly" wegen „Morbidität" nicht spielen wollte.

Dabei hatte der damals noch unbe-kannte Studiogitarrist Richie Blackmore mit einem originalgetreu vom Holly-Hit „Peggy Sue" abgekupferten Rhythmusgitarrenriff auf dieser Platte für gute Laune gesorgt. Derart verschämtes Covern ist heute nicht mehr notwendig. Für das Urheberrecht zählt jede vor 1963 veröffentlichte Plattenauf-nahme zum „Public Domain". Die frühen Aufnahmen von „That'll Be the Day", „Peggy Sue", „Oh Boy!" und anderen Holly-Hits ge-hören damit zu jenen Kulturgütern, die ohne ausdrückliche Erlaubnis des Produzenten als Vorlagen für neue Tonträger verwendet werden dürfen.
„Der Nachlass von Buddy Holly wurde bereits in Hunderten von Wiederveröffentlichungen ausgeschöpft. Damit waren seine Aufnahmen nie ein Thema für unser Label", betont Detlev Hoegen vom Reissue-Label Bear Family. „Wir haben lediglich für Webshop-Kunden die 10-Inch-LP Countrywise wiederveröffentlicht." Auf dieser Compilation sind Tracks aus den Jahren 1954/55 zu hören, die Buddy Hollys damalige Vorstellungen von Country-Bop widerspiegeln.

Typischer für die Arbeit von Bear Family Records ist aber die Compilation The Great Tragedy — Winter Dance Party 1959. Die CD erinnert auch an den Rockabilly-Sänger The Big Bopper und den Latin-Rock'n'Roller Ritchie Valens. Beide waren zusammen mit Buddy Holly auf ihrem Flug zum nächsten Auftrittsort der Winter Dance Party Tour 1959 abgestürzt. Nico Feuerbach und Marc Mittelacher kompilierten das Album aus Repertoire, das von den beteiligten Künstlern ungefähr zu dieser Zeit aufgenommen und bei Auftritten gespielt worden war. Von allen Sängern auf dieser CD übte Buddy Holly den größten Einfluss auf musikalische Nachfolger aus. Er hatte vor allem die heute als Rock-Standard geltende Quartettbeset-zung etabliert: Lead- und Rhythmusgitarre, Bass, Drums — ein Sound-Ideal, an dem sich in den Sixties die Stones, Beatles und jede Liverpool-Beatband orientierte. Als Initialzündung für diesen Trend gelten heute das Debütalbum The Chirping Crickets von 1957 und Buddy Holly (1958). Beide LPs 

waren klingende Pflichtlektüre für Imitatoren seines Schluckaufgesangs und Gitarrenspiels, eine Klintel, die es kaum störte, dass einige Lizenznehmer das Lebenswerk des Rock-Stil-bildners mit nachträglich hinzugefügten Instrumental-Tonspuren verwässert hatten. Außerdem wurden seine Einspielungen oft mit pseudo-stereofonischer Effekthascherei dem jeweiligen Tagesgeschmack späterer Pop-Epochen angepasst. Die audiophil anspruchsvolleren Holly-Fans ärgerten sich dagegen zusätzlich noch über lieblos gemasterte Compilations, für die teilweise sogar knisternde Vinylscheiben als Vorlagen gedient hatten. Entsprechend ange-nehm überrascht war Kevin Gray, als er die die Original-Mono-Masterbänder auf seiner Studer-Bandmaschine abspielte. „Ich bekam eine Gänsehaut", erinnert sich der kaliforni-sche Mastering-Techniker. „Bei einigen Songs hatte ich das Gefühl, Buddy Holly steht direkt vor mir im Raum." Kevin Grays Neuschnitt der zwei legendären LPs zeigt endlich restlos zufriedenstellend,


mit welcher künstlerischen Kompetenz und klanglichen Souveränität der 21-jährige Sänger und Gitarrist alle Möglichkeiten der Mono-Technik ausgeschöpft hatte. „Obwohl diese insgesamt 24 Tracks in unterschiedli-chen Studios aufgenommen wurden, klangen die Original-Master dynamisch völlig ausge-glichen. Ich musste kaum etwas korrigeren." Mit seinem Remastering bringt Kevin Gray die unterschwellig heisere Aggressivität von „Oh Boy" oder das Schluckauf-Intro von „Rave On" eindrucksvoll zum Vorschein.
Waxtime konnte zwar keine Originalquelle nutzen, doch die 180-Gramm-Pressung des spanischen Reissue-Labels gibt einen guten Eindruck davon, wie Buddy Holly & 'Ihe Chir-ping Crickets 1957 auf dem Plattenspieler eines audiophil noch halbwüchsigen Rock'n'Roll-Fans geklungen haben.


Buddy Holly hatte sich in wenigen Schaf-fensjahren vom Rock'n'Roll-Avantgardisten zu einem Hit-Nachschublieferanten für die
Sparte Adult Pop entwickelt. Er wollte noch Schauspielunterricht nehmen, ein Tonstudio einrichten und als Independent-Produzent arbeiten. Seine nächste Karrierephase läutete er im Oktober 1958 ein, als er in New York vier Songs mit Orchester aufnahm. Eine Ahnung vom möglichen weiteren Verlauf dieser künstlerischen Entwicklung vermit-telt das Album True Love Ways. Das Royal Philharmonic Orchestra peppte 2018 zwölf Originaleinspielungen von Buddy Holly zu Rock'n'Roll-Kunstliedern auf. Die königlichen Philharmoniker hatten sich in den Londoner Abbey Road Studios von den Vokalspuren kreativ herausfordern lassen und verschmol-zen bei einigen Tracks dermaßen einfühlsam und überzeugend mit dem Sänger, dass jeder Holly-Fan zustimmt: Diesen Sound hätte sich Buddy gewünscht. Vor allem bei „Heartbeat" rocken die Royals richtig gut ab, wenn sie mit ihren pizzicato gespielten Streichinstrumen-ten die knackig zirpende Fender-Gitarre von Buddy Holly perfekt nachzeichnen. • Winfried Dulisch

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