Presse - Inge Brandenburg & das hr Jazzensemble Easy Street - Fono Forum Dezember 2011

Inge Brandenburg & das hr Jazzensemble

Easy Street

Die deutsche Billie Holiday


Sie war eine der größten deutschen Jazzsängerinnen der Nachkriegszeit, doch eine Karriere machte Inge Brandenburg nie. Nun ist ein bewegender Dokumentarfilm über die 1999 gestorbene Künstlerin in ausgewählten Kinos angelaufen.Anlass genug für Berthold Klostermann, an die Sängerin mit dem dunklen Timbre zu erinnern.

Sie hatte alle Voraussetzungen, aber sie war zur falschen Zeit am falschen Ort." So der Posaunist und BigBandLeiter Jiggs Whigham. Da hat man Inge Brandenburgs Stimme noch im Ohr: „It's the wrong time and the wrong place ...", eine Textzeile aus dem ColePorterSong „It's All Right With Me". Szenen aus einem Dokumentarfilm, der im Juni beim Internationalen Filmfest Emden vorgestellt wurde und bis zum Februar 2012 in einigen Programmkinos gezeigt wird: „Sing! Inge, Sing! — Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg" von Marc Boettcher (parallel zum Film erschien eine CD mit gleichem Titel). Er bringt eine Künstlerin in Erinnerung, die als Deutschlands Jazzsängerin Nr. 1 galt und wenig später fast völlig in Vergessenheit geriet. "It's All Right With Me" war Teil ihres Repertoires und Titelsong der einzigen JazzLP, die sie je herausbringen konnte. Doch für sie war es alles andere als „all right", dass sie sich auf der Musikszene ihrer Zeit bald fehl am Platz fühlen musste. Abfinden konnte sie sich nie damit. „Sie war das, was man eine kompromisslose Jazzsängerin nennt", erinnert sich Udo Jürgens, der selbst mit Jazz begann, aber dann im ChansonSchlager einen Kompromiss und den Schlüssel zu einer großen Karriere fand.

Inge Brandenburg war für kurze Zeit ein Star; sie erreichte alles, was es um 1960 im deutschen Jazz zu erreichen gab —und wurde dann ausgebremst. Zu einer Zeit, als die Musicbox die LiveMusik in den Lokalen verdrängte und das junge Publikum sich dem Rock 'n' Roll und Beat zuwandte, war Deutschland nicht der Ort, um mit MainstreamJazz Karriere zu machen. Das traf nicht nur Inge Brandenburg. Ob Hugo Strasser, Max Greger, Paul Kuhn oder James Last, ob Caterina Valente, Greetje Kauffeld oder Bill Ramsey: Sie und viele andere sagten dem Jazz für Jahrzehnte ade, betrieben ihn vielleicht noch nebenbei, aber Erfolge feierten sie mit Schlager, Tanz und Unterhaltungsmusik — was Inge Brandenburg nie so recht glückte. Einen Plattenvertrag zu bekommen war für sie noch leicht, doch statt Jazz wollte man Schlager mit ihr produzieren: „Ich habe bei jeder Firma eine Jazz, eine Chanson und eben Schlagerplatten im Vertrag gehabt", berichtete sie später verbittert. „Die haben sich aber nicht an die Verträge gehalten, sondern überwiegend die Schlager gemacht. Sie wussten von vornherein, Jazz verkauft sich in Deutschland nicht gut. Dann sollten sie aber nicht mit einer Jazzsängerin einen Vertrag abschließen, wo drinsteht, dass eine Jazzplatte gemacht wird. Oder sie sollten anständige Schlager für mich schreiben lassen. Als die KnefPlatte rauskam mit den ColePorterSongs, hab ich fast geheult und gesagt: ‚Verdammt nochmal, das wär's!

Warum kommt keiner auf die Idee, mit mir so etwas zu produzieren?'" Die Antwort weiß Veranstalterveteran Fritz Rau, der ihre ersten Auftritte organisierte: „Je besser sie sang, umso mehr hat das die Masse des Publikums gestört. Die wollte die ‚CapriFischer` hören." Also wollten die Plattenfirmen sie als Schlagersternchen vermarkten. Zunächst die Decca, wo 1960 immerhin die EP „Herzlichst, Inge" mit vier Jazztiteln erschien, dann Polydor, wo die Sängerin nach drei SchlagerSingles eine Jazzproduktion einzuklagen versuchte. Fortan galt sie in der Branche als sperrig und zickig, kam aber Mitte des Jahrzehnts kurz bei CBS unter, dort entstand neben Schlagern auch die JazzLP „It's Alright With Me" (1965), billig produziert, mit Musikern, die kaum zu der Sängerin passten. Vom Plattengeschäft frustriert verlegte sie sich aufs Theaterfach, tourte nur noch gelegentlich und sang dann und wann im Fernsehen. Sie begann durch Probleme aufzufallen, mit Alkoholexzessen, Pöbeleien und Peinlichkeiten für Schlagzeilen zu sorgen — gerade als wollte sie das Image, das sie sich musikalisch erworben hatte, durch ihr Verhalten abrunden. Gegenüber der virtuosen, voller Leichtigkeit swingenden Caterina Valente nämlich, die gern mit Ella Fitzgerald verglichen wurde, galt Inge Brandenburg dank ihres dunklen Timbres und ihrer Expressivität, aber auch wegen ihrer problematischen Biographie und ihres mitunter unfeinen Benehmens als „deutsche Billie Holiday". Und wie bei dieser wurden auch bei Inge Brandenburg Kunst und Leben oftmals so zueinander in Bezug gesetzt, als erklärten sie sich wechselseitig. „Ein Leben", so hieß es in Schallplattentexten, „das sich hauptsächlich in Moll abspielt, mit zu vielen Blue Notes." Derlei Klischees gegenüber stellte die „Zürcher Woche" klar: „Sie macht Jazz, weil ihr die Begabung dazu in die Wiege gelegt wurde, nicht weil sie nach Kriegsende ohne Eltern, ohne Ausweispapiere und ohne Selbstgefühl war." In der Tat musste sie sich ihr Selbstgefühl eisern erarbeiten.

Inge Brandenburgs Kindheit war überschattet von Armut, Gewalt und Alkohol

Inge Brandenburg stammte aus einfachsten Verhältnissen, ihre Kindheit war von Armut, Gewalt und Alkohol überschattet: „Wenn Vati betrunken nach Hause kam, schlug er Mutti. Sie schlugen sich aber auch, wenn er nüchtern war." Am 18. Februar 1929 wurde sie in Leipzig geboren. Ihr Vater, KPDMitläufer, wurde von der Gestapo verhaftet und starb 1941 im KZ Mauthausen. In seiner Stammkneipe hatte er KleinInge gern auf den Tisch gehoben und singen lassen. Der Mutter wurde das Sorgerecht entzogen, dann wurde auch sie verhaftet und kam auf dem Transport ins KZ Ravensbrück ums Leben. Inge kam ins Erziehungsheim: „Die einzige Liebe, die ich in meiner Jugend empfangen habe, war die kühlende Hand einer Nonne, die mich streichelte, als ich an Diphtherie erkrankt war." Nach Kriegsende schlug sie sich nach Bayern durch, wurde vergewaltigt, ohne Papiere von der Polizei aufgegriffen und wegen Herumtreiberei festgesetzt. Danach landete sie in Augsburg bei einem Bäcker, der ein Klavier besaß. Sie nahm Unterricht und wurde „ein anderer

Mensch. Endlich hatte ich ein Ziel vor Augen." Auf dem USRundfunksender AFN entdeckte sie amerikanische Tanzmusik und Jazz für sich. Als per Annonce ein Tanzorchester eine gut aussehende Sängerin mit dunkler Stimme suchte, bewarb sie sich, wurde engagiert und tingelte ab 1950 durch Nachtlokale und GIClubs: „Ich hatte Riesenerfolg, denn es gab ganz wenige Sängerinnen — als ich anfing, höchstens drei, die den amerikanischen Stil beherrschten. Die anderen kamen von der Operette, und man merkte, dass ihnen die amerikanische Musik nicht geläufig war. Aber ich hatte ja gleich nach dem Krieg nur AFN gehört. Da lief doch die ganze GlennMil1erMusik, das ist mir sofort in Fleisch und Blut übergegangen."

Ohne Englisch gelernt zu haben. Die Texte eignete sie sich rein phonetisch an. 1957 wurde sie für vier Wochen nach Schweden engagiert, daraus wurden acht Monate, in denen sie mit den Größen der dortigen Szene zusammenkam. So bestärkt, traute sie sich eines Abends im Frankfurter „Domicile" ans Mikro —und wurde fürs Deutsche Jazzfestival 1958 gebucht. Sie war die Entdeckung des Festivals. Die Presse feierte eine „Inge Brandenburg, die sich schlagartig an die Spitze zumindest der deutschen Jazzsängerinnen gesetzt haben dürfte"; im Deutschen KritikerPoll 1958 landete sie auf Anhieb auf Platz eins der Sparte „Jazzgesang, weiblich". Beim Festival von Antibes wurde sie 1960 zur besten europäischen Jazzsängerin gekürt. An Jazzeinspielungen entstanden um 1960 außer der EP „Herzlichst, Inge", wo sie von Werner Müller und dem RIASTanzorchester sowie einer Combo um Helmut Brandt (Bariton) begleitet wurde (enthalten auf der CD „Why Don't You Take All Of Me"), nur Radio oder TVAufnahmen, die jetzt auf dem Album zum Film „Sing! Inge, Sing!" erstmals auf Tonträger erscheinen.

Hier begleiten sie Spitzenorchester oder moderne Gruppen wie das HRJazzensemble mit Emil und Albert Mangelsdorff. Die Sängerin überzeugt, trotz gelegentlicher Manierismen in der Phrasierung, vor allem durch ihre Ausdruckskraft in Balladen aus dem Repertoire Billie Holidays („Lover Man", „The Man I Love", „All Of Me"). Später, als die Plattenfirmen sie längst aufs Schlagermetier reduziert hatten, umgab sie sich auf Tourneen mit Bands, die anderweitig bereits mit freien Formen experimentierten. So war sie 1965 mit dem Gunter Hampel Quartett unterwegs, mit dem sie anschließend die FeigenblattJazzLP „It's Alright With Me" für CBS einspielte, oder 1967 mit dem Wolfgang Dauner Trio. Aus heutiger Sicht überrascht die Offenheit, mit der die MainstreamSängerin mit den Exponenten der damaligen Avantgarde zusammenarbeitete.

Doch während sie musikalisch immer anspruchsvoller wurde, wurden ihre Auftritte immer weniger. Von den siebziger Jahren an spielte sie nur noch gelegentlich Jazz und versuchte sich, neben unregelmäßiger Theaterarbeit, an modernen religiösen Liedern — ohne großen Erfolg. Zeitweilig lebte sie von Sozialhilfe. Nach einer Stimmbandoperation versuchte sie in den Neunzigern ein Comeback, doch es blieb bei wenigen Auftritten. Einsam und verarmt starb sie am 23. Februar 1999 an den Folgen früheren Alkoholmissbrauchs. Beim Begräbnis sollen sieben Trauernde sie begleitet haben. 

 

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